7 – Projektion

Eigentlich verbindet uns das Gebet mit der göttlichen, der universalen, der kosmischen Matrix. Eigentlich lässt uns das Gebet einen bewussten Kontakt zu unserem seelischen Bewusstseinsstrom herstellen, zu dem, was wir die göttliche Quelle in uns oder den Urgrund allen Seins nennen. Eigentlich erhalten wir über diese Art, mit unserem höheren Selbst und darüber mit dem kosmischen Bewusstseinsstrom in Verbindung zu treten, eine Intuition, eine Inspiration, einen Geistesblitz darüber, welche Sinnanfrage eine bestimmte Lebenssituation gerade an uns stellt und auf welche uns persönlich mögliche Art wir sie beantworten könnten. Die Frage stellt sich an uns in Bezug auf die Bedeutung, die wir einer Gegebenheit zumessen und in Bezug auf unseren Umgang mit dem Gegebenen. Auf beides, auf die Frage nach der Bedeutung und die Frage nach dem Sinn, erhalten wir Antworten im Gebet oder in der Meditation, um dann eine passende Haltung einzunehmen und adäquat zu handeln. Das wäre die vollendete Funktion des Gebets, egal, in welcher Form es vorgenommen würde.

Seltsamerweise beten sehr viele Menschen aber anders: Eine Notsituation ist eingetreten und wer sich dann in ein Gebet begibt, bittet eine höhere Macht darum, die Dinge zu heilen, sie zum Guten zu lenken, zu bewirken, dass alles gut wird oder dass andere etwas für einen tun, dass sie, die Anderen, mit Missständen besser zurechtkommen, eine Krankheit überstehen, ihr Verhalten verändern etc. Man sagt, man bitte Gott um Beistand. Eigentlich aber bittet man, er möge die Sache vollständig in die Hand nehmen. Denn die Bitte um Beistand würde aussehen, wie in der Eingangsbeschreibung eines Gebets geschildert. Ein solches Gebet könnte lauten: „Jemandem geht es gerade nicht gut. Seele (oder auch Gott), zeig mir den besten Weg, auf dem ich dem Anderen dienlich sein kann.“ Oder in Bezug auf die Welt könnte es lauten: „Die Welt krankt. Kosmos, lass mich wissen, welchen Beitrag ich zu ihrer Heilwerdung leisten kann – und ich leiste ihn“. Viel öfter aber lautet das Gebet: „Gott, bitte rette uns. Bitte rette die Welt. Bitte, mach, dass…“

Für gewöhnlich verhält es sich mit dem Gebet doch so, dass die eigene Kraft (an Regulationsfähigkeit, an der Fähigkeit, Nähe herzustellen, Hilfe zu leisten, Trost zu spenden, zuzuhören, Leid zu bezeugen und zu teilen oder großzügig zu sein) auf eine höhere Macht projiziert wird. Man selbst bleibt in seiner Wohnung, zündet vielleicht eine Kerze an und hofft, dass die Mitteilung über diesen Vorgang, der zuweilen auch ohne Kerze auskommen muss, mit der bloßen nachträglichen Information, „ich habe so viel an dich gedacht“, eine Wohltat darstellt. Man wünscht sich wohl, der andere möge vor spiritueller Dankbarkeit entzückt darüber sein, dass man für ihn eine höhere Macht angerufen oder ihm seine Gedanken „geschickt“ habe. In der Regel bedankt der*die andere sich auch artig und denkt vielleicht selbst an die schweren Stunden, in denen er*sie sich seiner*ihrer Kräfte beraubt gefühlt hat, dringend einer anderen Perspektive und einer Ermutigung bedurft hätte, vielleicht auch einer helfenden Hand, etwas jedenfalls, das wirklich ihm*ihr und seiner*ihrer Situation gegolten und entsprochen hätte. Das Gleiche mag die Erde von der Menschheit denken, wenn sie all die Friedensdemonstrationen erlebt, während kaum jemand sich wirklich, wirklich, wirklich die Mühe macht, echten Frieden zuerst in sich selbst herzustellen, in seiner Familie, in seiner Nachbarschaft. 

Im Grunde wäre der wirkliche Gottesdienst nämlich der Dienst am Menschen und dazu zunächst an sich selbst. Darauf zu warten, dass eine höhere Macht dafür sorgt, dass andere sich zuerst bewegen, so dass man endlich bekommt, was man seiner Meinung nach verdient, ignoriert die eigenen, im Individuum wohnenden Kräfte, die wir mit dem Begriff der Göttlichkeit ansprechen könnten, wenn wir das wollten. Demnach wohnt ja Gott in uns als Wir. Das Übermaß an CO2 in der Atmosphäre verflüchtigt sich (der bisherigen Erfahrung nach) jedenfalls nicht durch das Gebet, das die Eigenkraft auf Höherverantwortliche projiziert, egal, ob es sich um die Regierung einer Nation handelt oder in letzter Instanz um den Mythos eines wie auch immer gedachten Gottes. Wohl aber könnte es dadurch reduziert werden, dass das Gebet nach dem eigenen potenziell erbringbaren Beitrag fragt, die Umweltzerstörung aufzuhalten. 

Im Passivpol der persönlichen Entwicklung eines prärationalen Bewusstseins, das hier etwa bis zum siebten Lebensjahr völlig natürlich ist und sich dann natürlicherweise in Richtung eines rationalen und dann eines transrationalen Bewusstseins wandeln würde, ist die Bitte an eine als mächtiger empfundene Instanz, sie möge die Dinge für einen regeln, legitim. Das Kind darf und soll sich anvertrauen und darauf hoffen, dass man seine Bedürfnisse erkennt und erfüllt, auch wenn es nur diffus darum bittet. Sein Wehklagen gleicht einem Gebet an die Umgebung, das eine Sinnanfrage stellt. Wenn diese Sinnanfrage von der Umgebung erkannt wird, zum Beispiel über ein erwachsenes Gebet, das darum bittet, die Bedeutung und den potenziellen Sinn erkennen zu lassen, hat ein idealer Gottesdienst stattgefunden. „Bitte lass mich erkennen, worum es meinem Gegenüber gerade geht“, ist ein erwachsenes Gebet, das die Kraft nicht projiziert, sondern sie fokussiert. 

Um aus dem zuweilen etwas zu lange anhaltenden prärational kindlichen Anspruchsdenken herauszufinden, mit dem man darauf hofft und wartet, dass etwas (von höherer Stelle) für einen getan wird, (am liebsten ohne eigenes Zutun), braucht es einen grundsätzlichen Perspektivwechsel. Die Idee, man könne der Welt an Liebe, Freundschaft und Hilfsbereitschaft nur zurückgeben, was man selbst auch empfangen habe, muss als Irrtum erkannt werden. In Wahrheit kann jeder Mensch in sich selbst aktiv entwickeln, was er*sie der Welt zu geben wünscht, um sich in jenem Aspekt zu verwirklichen, über den er*sie mit Gott, dem Kosmos, der Liebe … verbunden ist und über den Gott, der Kosmos, die Liebe … durch den Menschen in der Welt wirkt. Der erste Schritt in Richtung Überwindung der Hoffnungslosigkeit und der Lethargie wird der sein, der uns im Gebet darum bitten lässt, bei der Entwicklung einer Haltung, der Aktivierung der Eigenkräfte und der Ausbildung der eigenen Ressourcen unterstützt zu werden und der den Menschen dann als kosmische*n Partner*in und Kanal für das in die Welt strömende Gute ansieht. Dieses Gebet nimmt die Projektionen der eigenen Kraft zurück und führt hinein in die Freiheit der Selbstverantwortung, in die Schöpferkraft des Menschen und in den menschlichen Beitrag an Gottes Werk oder am Universum, dessen Werk das Universum ist.

© Ariela Sager

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