5 – Empfangen

Als Kinder erwarten wir ständig Informationen und Botschaften und saugen sie auf, wenn wir sie erhalten. Wir erwarten sie nicht so sehr von einer hochgeistigen Quelle wie dem Universum, wohl aber von Quellen, die das Kind im Vergleich mit sich selbst als höhergeistig empfindet: Eltern, Großeltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen. Von allen Instanzen, die mehr Lebenserfahrung aufweisen als das Kind für sich in Anspruch nimmt, sie zu haben, erwartet es hilfreiche, weiterführende Informationen sich selbst, das Leben und die Welt betreffend. Manche Kinder weiten ihren Suchradius auf Kulturleistungen aus wie Märchen, Literatur, Musik, Film oder auch das Theater. Das tun sie sowohl angeleitet als auch eigeninitiativ. Eigeninitiativ vor allem dann, wenn ihnen persönlich anwesende Antwortgeber*innen fehlen und daher Antworten auf ihre Fragen ausbleiben.

Auf diesen Wegen versuchen Kinder und Jugendliche, die Welt zu entdecken, vor allem aber versuchen sie, den Entdeckungen Bedeutung abzuringen. Nichts hat eine fest zugeschriebene oder unhinterfragbar zuschreibbare Bedeutung. Alle verfügbaren Informationen zur Phänomendeutung sind nur Bedeutungsangebote. In der Regel braucht es eine Synthese der Denkmodelle, statt dass ein einziges Denkmodell ausreichen würde, die sich bietenden Phänomene vollständig zu erhellen. Im Rahmen der Entwicklung von Medien- und Gesprächskompetenz müssen Kinder und Jugendliche lernen, eine kritische Distanz zu den vernommenen Inhalten einzunehmen. Sie müssen Quellen und ihre Motivationen und Geisteshaltungen, die der Informationsbereitstellung zugrundeliegen, erkennen und unterscheiden lernen. Sie müssen eine innere kritische Instanz ausbilden, die mithört und mitliest. Diese Instanz entspricht nicht dem inneren Kritiker, sondern dem inneren Kompass. Sie teilt sich mit durch Gefühle der Dissonanz oder auch durch das Lachenmüssen, wenn sie nicht sogar gedankliche kritische Einwürfe anbietet.

Manche Kinder haben schon sehr früh einen guten Zugang zu ihrem inneren Kompass, der Hinweise auf Wahrheit oder Unwahrheit gibt. Diese Hinweise erfolgen in der Regel über das Gefühl. Es könnten aber auch andere Sinne involviert sein, wie hochsensible Personen (HSP) berichten, auf welchem Weg sich ihre Intuition für sie bemerkbar macht (z. B. über eine Hellsichtigkeit, ein Hellhörigwerden oder ein Hellwissen, das häufig als Gedankenblitz oder als innere Gewissheit auftritt). Die meisten Kinder aber müssen erst lernen, diese Instanz in ihrem Innern zu vernehmen und ihr zu vertrauen. 

Es scheint sich herauszustellen, dass die Offenheit, die eine hochsensible Konstitution aufgrund eines reizoffeneren Nervensystems mit sich bringt, Kinder eher befähigt, neben den verbalen Äußerungen ihrer Mitmenschen auch noch ihre innere eigene Stimme zu hören, die das Geäußerte zuweilen anders einordnet, als es vom Aussendenden bewusst oder unbewusst beabsichtigt war. So kommt es zu der interessanten Unterscheidung, dass manche Kinder vor allem negative Aussagen über ihre Person ungefiltert aufnehmen und internalisieren und angesichts der Unbedachtheit der Aussagen oftmals zu einem ungünstigen Selbstbild gelangen, während andere Kinder sich von der negativen Aussage an sich zwar betroffen, verletzt und enttäuscht fühlen, den Aussageinhalt aber nicht internalisieren, ihn vielleicht sogar hinterfragen. Im zweiten Fall tritt für die Kinder eine innere kritische Instanz in Form einer inneren Stimme, eines Gefühls, eines Gedankens oder eines inneren Bildes hinzu, die eine Einschätzung von Wahrheit und Lüge vermittelt. So fühlt sich die eine Kategorie von Kindern emotional betroffen von dem negativen Inhalt einer Aussage über ihre Person (z. B. der Aussage: „Du bist ein böses Kind und eine Enttäuschung für mich als deine Mutter*dein Vater“), während die andere Kategorie von Kindern die Aussage zwar intuitiv für unwahr hält, sich aber emotional ebenso betroffen fühlt, und zwar über die offenbarte Botschaft über das Verhältnis des*der Sprechenden zum Kind (z. B. mit dem Gefühl: „Er*sie liebt mich gar nicht, sonst würde er*sie so etwas nicht sagen“). 

Beide Botschaften, so wie sie vernommen werden als a) „Ich bin böse und eine Enttäuschung für andere“ und b) „Ich werde nicht geliebt“ haben verheerende Auswirkungen auf den empfangenden Geist und die psychische Entwicklung des Kindes – und doch unterscheiden die Auswirkungen sich voneinander. Die Selbstwahrnehmung wird in dem Fall, dass eine Aussage als wertende Zuschreibung die eigene Person betreffend empfunden wird, leicht in eine Selbstablehnung hinein gelenkt, in eine Verleugnung positiver Eigenschaften und Potenziale und in eine Selbstabwertung. Kinder übernehmen allzu leicht die Aussagen über sich, wenn sie von nahen Bezugspersonen getroffen werden, die sie für glaubwürdig und kompetent halten. So kommt es zur Ausbildung der Schutzinstanz des inneren Kritikers, der seinerseits versucht, äußerer Kritik stets zuvorzukommen und sie überflüssig zu machen, indem er sich von vornherein darum bemüht, alle Versuche der Lebensgestaltung oder des Wohlseins, abzuwerten. Das internalisierte negative Selbstbild wird über den inneren Kritiker auch wieder nach außen projiziert, so dass die Kette der entwertenden Kommunikation kaum abzureißen vermag.

Im Fall, dass die negative Botschaft von der kritischen Instanz im Innern (das ist also eine andere Instanz als der innere Kritiker, sie entstammt der Intuition und nicht der Internalisierung) aber auf der Beziehungsebene empfangen wurde, besteht einerseits das Risiko, dass sich Gefühle des Abgelehntseins, des Ausgegrenztseins und des Ungeliebtseins entwickeln, andererseits besteht aber auch die Chance, dass das Kind im Zuge des Heranreifen lernt, das Sprechen eines Anderen beim Anderen zu belassen und sich von negativen Aussagen über seine Person zu distanzieren. Das heißt nicht, dass ein dergestalt herangereiftes Kind später nicht kritikfähig wäre, sondern zu seiner Kritikfähigkeit gehört eben gerade das metaphorische „dickere Fell“, zu dem vielen hochsensiblen Individuen so oft geraten wird, es sich besser zuzulegen. Das Wesen dieses „dickeren Fells“ besteht, wenn die auf der Beziehungsebene entstandenen Verletzungen später im Leben integriert wurden, in der Unterscheidungsfähigkeit gegenüber dem Kommunikationsverhalten anderer und in der Gelassenheit, die Erkenntnisse unbewertet zu lassen. Mit dem, was Menschen an Bewertungen über andere von sich geben, sprechen sie zuerst über sich, bevor sie tatsächlich über andere sprechen. 

Kinder, die die an sie gerichteten Botschaften mit diesem intuitiven Unterscheidungsvermögen empfangen, haben die unschätzbare Chance, sich weniger treffen zu lassen, weil sie einen Schritt zurücktreten können. In der Kindheit wird das für die meisten Kinder noch kaum der Fall sein. In der Kindheit provoziert der Inhalt der Aussage, wie auch die Tatsache, dass die Aussage gemacht wird, Verletzungen und Tränen. Sobald aber die Aussagen an den eigenen Wertmaßstäben (Yin) gemessen und von den Eigenkräften (Yang) verantwortet werden können, fällt die Last der emotionalen Verletzung von einem ab. Man kann es mit dem Lotus-Effekt vergleichen, bei dem der Schmutz von den weißen Blütenblättern des Lotus abperlt. Die internalisierten Selbstbilder allerdings müssen dazu durch eine integrative Arbeit manchmal mühevoll transformiert werden. 

Mit der Information allerdings, dass negative Aussagen anderer vor allem Selbstoffenbarungen sind, kann dem zum Empfang bereiten Gemüt der Kinder sehr geholfen werden, über ihr Empfangen zu wachen und es mehr für die Entdeckungen über die Welt bereit zu halten als für negative Botschaften ihre Person betreffend. Zugleich muss Erwachsenen, die mit Kindern zu tun haben, immer klar sein, dass Kinder emotionale Schwämme sind, die erst mal alles aufnehmen und an sich heranlassen, was ihnen dargeboten oder zugemutet wird. Umso achtsamer müsste eigentlich das erwachsene Sprechen und Verhalten einem Kind gegenüber ausfallen.

Bei einem erwachsenen Menschen, der in der kindlichen Haltung des naiven Empfangens stehen geblieben ist und eben keine kritische Instanz in sich ausgebildet hat, mit der er*sie einer Unterhaltung mit wachem Verstand folgen würde, lässt sich ein etwas merkwürdiges Konsumverhalten dem Gespräch gegenüber beobachten: Ein solcher Mensch trägt nicht selbst zum Gespräch bei, sondern lässt sich nur von den Inhalten bedienen, die andere ihm anbieten. Später sollte an die Stelle der rezeptiven Haltung ein authentisches Ausdrucksvermögen treten. Wird diese Entwicklung versäumt, erscheint der Mensch durchaus nicht als guter Zuhörer, sondern lediglich als geiziger Mensch, der selbst keinen Beitrag zum Gelingen einer Begegnung leistet.

© Ariela Sager

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