4 – Einsamkeit

Wir alle stammen aus der gleichen Quelle und wir alle befinden uns auf der Reise zurück zu dieser Quelle, von der wir uns für die Selbsterfahrung des Wesens der Quelle, getrennt haben. So lautet der Mythos der Liebe, der die Gegenerzählung zum Mythos der Angst liefert, nach dem wir voneinander getrennte Wesen seien und jeder für sich allein lebe und sterbe. Die Bedeutung des Lebens betreffend gibt es nichts anderes als unsere Mythen und Narrative. Der eine Mythos spricht von essenzieller Verbundenheit und der andere von existenzieller Getrenntheit. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Synthese der beiden Mythen, denn es stimmt vermutlich beides zugleich: Essenziell sind wir alle miteinander verbunden und existenziell sind wir voneinander getrennt, damit wir Erfahrungen mit dem Du machen und darüber uns selbst erfahren können.

Im Denkmodell des Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks können wir den liebevollen Mythos im vierten Dreieck der Dreiecksspitze (Spiritualität) zuordnen und den Angst heraufbeschwörenden Mythos der Dreiecksbasis (Passiv- und Aktivpole). Die Dreiecksseiten (Yin und Yang) und die Dreiecksfläche (Ressource) dazwischen bilden die Synthese aus den Polaritäten ab und überwinden so das bi-polare Spannungsverhältnis zwischen den beiden Weltbildern. 

Ja, wir existieren als voneinander getrennte Einzelwesen. Wir sind auf unserer Entwicklungsreise unterschiedlich weit fortgeschritten, was uns zusätzlich voneinander trennt oder trennen kann. Durch unsere Entfremdung von uns selbst – von der Quelle in uns – empfinden wir uns auch als von anderen Menschen entfremdet und getrennt. Solange wir uns selbst nicht verstehen und unsere eigenen Gefühle nicht kennen, solange können wir uns auch nicht in andere einfühlen und deren Verhaltensweisen verstehen. Solange alle darauf warten, dass wir von der Welt geliebt werden, solange macht niemand den ersten Schritt, Liebe zu verwirklichen, einfach weil er*sie es kann, und es warten zwangsläufig alle vergeblich auf Liebe. Gerade der Satz, „ich verdiene Liebe“, kann hier irreführend gedeutet werden, denn Liebe ist nichts, das wir von anderen haben wollen oder sogar einfordern oder eben uns verdienen könnten. Es ist das bedürftige und alleingelassene innere Kind, das sich dem Mythos des Getrenntseins verhaftet fühlt und das trotzig das Postulat des Verdienstes aufstellt, ohne darauf verweisen zu können, auf welche Art die Person selbst denn der Liebe gedient hat, so dass sie meinen könnte, sich etwas „verdient“ zu haben. Wobei das Paradoxon darin besteht, dass sich die Liebe, sobald man ihr gedient hat, verwirklichen konnte und man den Anspruch, Liebe zu verdienen überhaupt nicht mehr aufrechterhalten will

Liebe also kann man sich nicht verdienen. Aber genau darauf ist das innere Kind so unerbittlich konditioniert worden, dass es im Passivpol sitzt und wartet, dass es mit dem bedient wird, was es seiner Meinung nach verdient und was ihm zusteht. Für ein Kind wäre dieses Warten vollkommen natürlich und richtig. Ein Kind ist wirklich auf der Welt, um geliebt zu werden. Eine erwachsene Person aber ist auf der Welt, um zu lieben.

Wer sich als Erwachsene*r einsam fühlt, hat möglicherweise diesen Perspektivwechsel noch nicht vollzogen. Vielleicht fällt der Wechsel ihm*ihr schwer, weil er*sie sich aus seiner*ihrer Kindheit heraus nicht von Liebe gesättigt fühlen kann, zum Beispiel weil er*sie eine lieblose Kindheit durchgemacht hat oder Liebe nur als Bedingtheit erfahren hat. Vielleicht hält ihn*sie der emotionale Hunger in dem Glauben gefangen, er*sie könne nur abgeben, was er*sie selbst erhalten habe. Er*sie müsse also zuerst von anderen geliebt werden, bevor er*sie in der Lage sein könne, Liebe in die Welt zu bringen. Darum sitzt er*sie in seiner*ihrer Abgeschiedenheit – im Märchen steht hier das Symbol des Eisenofens Pate – und wartet darauf, dass er*sie, so (unreif) wie er*sie ist, anerkannt, akzeptiert und geliebt wird. Durchaus erhält ein solcher Mensch Zuwendung, aber nicht in Form der ersehnten Liebe, sondern in Form des abhängigen Gegenpols. Ein anderer, sich ebenfalls einsam und ängstlich fühlender Mensch, der als Lösungsstrategie statt des wartenden Rückzugs die besitzergreifende Bevormundung gewählt hat, wird vermutlich in Resonanz gehen. Die Resonanz, die irrtümlich für Liebe gehalten wird, wird solange anhalten, wie der Pakt zwischen den beiden Personen eingehalten wird und wie nicht eine*r der beiden die Spielregeln oder die eigene Position im Spiel ändert (was häufig nach ein paar Beziehungsjahren der Fall ist und im Passivpol als Getäuschtwordensein aufgefasst wird). Schwierigkeiten entstehen, wenn die bevormundende Person auch mal umsorgt werden will, was der*die Passivpolpartner*in gar nicht leisten kann oder will, oder wenn es dem*der umsorgten Partner*in an Bevormundung zu viel wird, der*die Aktivpolpartner*in sich aber nicht in seine*ihre Schranken weisen lässt. Sobald derartige Spannungen auftreten, offenbart sich die existenzielle Einsamkeit und Bedürftigkeit des Individuums, selbst wenn es sich in Gesellschaft befindet. Im Vollzug der Trennung wird dann von zu großer Unterschiedlichkeit, ja von einer großen Gegensätzlichkeit gesprochen, von zu hohen Ansprüchen und von gegenseitiger Entfremdung, was alles nicht von der Hand zu weisen ist. Aber eigentlich wollte man doch zur Liebe finden. 

Ist man zur Liebe nicht fähig? Wird man die wahre Liebe nie finden? Verdient man denn keine Liebe?

Der Schritt raus aus dem Gefühl der Einsamkeit wird der sein, der das Individuum in seinen Glaubensbekenntnissen und Narrativen und damit in seinem Lebensgefühl dem zweiten Mythos näher bringt, dem Mythos der Liebe. Wir sind auf der Welt, um uns als Liebe zu erfahren. Geliebt zu werden ist dabei nur eine Nebenwirkung. Die Ursache zu einem Gefühl der Liebe ist unser eigener Ausdruck von Liebe. Im vierten Beziehungs- und Entwicklungsdreieck mit dem Lebensthema Verbindung und Beziehung handelt es sich um die erwachsene Haltung der Empathie und um das erwachsene Handeln in Form von Fürsorge, Loyalität, Treue, Verbindlichkeit, Unterstützung und Kooperation. Etwas mit andern zu teilen gehört dazu, egal, ob es etwas ist, das man hat, herstellt, weiß oder gut kann. Sich mit anderen über seine Fähigkeiten zu verbinden, sich gegenseitig zu ergänzen, miteinander zu kooperieren, beendet die Einsamkeit. Kinder wissen das intuitiv, wenn sie sich im Spiel zusammentun und ihre Spielrollen so einnehmen, dass die kreativen Kräfte sich gegenseitig befruchten. Erwachsene haben den Weg zur Überwindung der Einsamkeit nicht unbedingt vergessen, denn sie sehen ihn an den Kindern und beneiden die Kinder um ihre prärationale Leichtigkeit, mit der sie Freundschaften schließen. Erwachsene, die sich einsam fühlen, haben aber bisher versäumt, den kindlichen Weg auf eine erwachsene, transrationale  Ebene zu heben. Es könnte nach einer Entwicklung in das Erwachsensein hinein erneut so leicht wie das kindliche Spiel gehen, seine Talente dort passend anzubieten, wo sie gebraucht werden und einer Sache zum Gelingen zu verhelfen, die ohne den eigenen Beitrag vielleicht gar nicht gelingen würde.

Die persönlichen Talente sind bereits Ausdruck des kosmischen Geliebtseins. Sie sind Geschenke der Liebe. Diese Talente zu verwirklichen, verwirklicht die Liebe. Wer mit seinen Talenten die Angst und die Bedürftigkeit der Welt als Sinnauftrag erfasst und dort, wo er*sie kann, aktiv wird, bringt die beiden Grundmythen, den der Angst und den der Liebe, so zusammen, dass die Synthese jene wahre Liebe darstellt, nach der alle so verzweifelt suchen. 

Seine Talente zu kultivieren hängt nicht davon ab, wie viel Liebe man als Kind erhalten hat oder wie sehr man gerade von anderen geliebt wird. Seine Talente zu kultivieren, stellt die Verbindung zur Quelle in uns her, durch die die Liebe in der Welt erzeugt wird. Die so entstehende Energie ist als Herzenswärme spürbar. Sie fließt in die Ressource des Selbstvertrauens ein. Die Einsamkeit wird also emotional und physisch überwunden werden können, je mehr die Menschen durch die Erschließung ihrer Talente und Gaben wieder Zugang zu ihrer Quelle der Liebe in sich finden, sich mit ihrem Selbst (dem inneren Erwachsenen/den Werten) verbinden, das innere Kind in die Obhut des inneren Erwachsenen nehmen und sich mit ihren Talenten in die Welt einbringen, gerade da, wo sie implizit oder explizit angefragt werden, ihren Beitrag zu leisten. Sich trotzig und beleidigt zurückzuziehen und den Kontakt zu verweigern, statt im Dialog zu bleiben, auch wenn es schwierig wird, ist jedenfalls ein kindlicher Erpressungsversuch (die kindliche Strategie versucht auf diese Art, die Aufmerksamkeit anderer zu erzwingen), der die Einsamkeit vermutlich eher erhöht und sogar zementiert.

© Ariela Sager

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