2 – Scheu

Als Kinder erfassen wir ganz schnell, welchen unserer Gefühlsäußerungen gegenüber sich welche*r Erwachsene kompetent fühlt und verhält und welche unserer Verhaltensweisen unsere Bezugspersonen überfordern. Das Kind erfasst noch nicht, dass die Überforderung mit der*dem Erwachsenen selbst zu tun hat, und es erfasst nicht, worin diese Überforderung besteht. Es weiß nichts von Selbstablehnung und Verdrängung und davon, dass Menschen alle möglichen Anteile ihrer Persönlichkeit und ihrer Biografie zu verstecken und zu verheimlichen versuchen und nicht wünschen, dass sie durch irgendetwas angesprochen werden. Kinder wissen nichts von Schmerzpunkten und von Provokationen oder Triggern und von Projektionen und Projektionsflächen. Sie wissen nichts von Schmerzräumen und individuellen und kollektiven Traumata. Kinder fühlen nur, was sie fühlen und drücken das, was sie fühlen zunächst auf eine ihnen gemäße Art aus. Später drücken sie es auf eine der erwachsenen Bezugsperson gemäße Art aus. Das geschieht, nachdem sie ein paar Mal die Reaktionen auf ihren Ausdruck hin erlebt und für sie im Hinblick auf Wohlgefühl und Schmerz ausgewertet haben.

Wo sie sich vor allem Präsenz, Interesse und Aufmerksamkeit erhofft hatten, denn das bräuchte der kindliche Ausdruck, um nämlich zu erfahren, welches unerfüllte Grundbedürfnis hinter einem Verhalten steckt, das die Strategie verfolgt, dieses Grundbedürfnis zu erfüllen, erleben die Kinder Bewertungen, Belehrungen und Maßregelungen: „Das ist nicht gut – das darfst du nicht – lass das gefälligst.“ Das Kind, das sich Nachfragen und ein Ergründenwollen seiner Äußerungen gewünscht hatte, empfindet die Abfuhr als in irgendeiner Form unangemessen, überzogen, gewalttätig, verletzend, zurückweisend, erschreckend, jedenfalls nicht passend zu der von ihm gestellten Sinnanfrage, die jedes Kind mit jedem Verhalten oder jeder Verhaltensänderung stellt. Die unpassende Antwort reagiert nur auf die Oberfläche, nämlich auf das gezeigte Verhalten des Kindes, erkennt aber das darunterliegende Bedürfnis nicht. Auf die unpassende Antwort hin zieht das Kind sich zurück (falls nicht der Rückzug bereits die eigentliche Sinnanfrage darstellt) und stellt fortan dieser Person keine derartigen Sinnanfragen mehr. Es entwickelt eine Scheu vor den eigenen Gefühlsäußerungen, wie auch vor den Gefühlen an sich, die es nicht mehr zu äußern wagt.

Mit dieser Scheu geht ein junger Mensch in sein Erwachsenenalter hinein, immer auf der Hut und gut abwägend, wem er*sie was sagen kann, wer sich auf welche Art kompetent oder inkompetent seinen*ihren Äußerungen gegenüber verhält.

Ein kompetentes Verhalten der Gefühlsäußerungen eines anderen Menschen, vor allem der eines Kindes gegenüber, ergäbe sich aus dem Wertepaar Präsenz (Yin) und Urteilsvermögen (Yang). Aus einer solchen erwachsenen Kompetenz heraus würde dem Gegenüber zunächst nur interessiert und aufmerksam zugehört, worunter auch fällt, das Verhalten eines Kindes oder eine Verhaltensänderung als Gefühlsäußerung zu begreifen und es zunächst nur zu beobachten. Die Fragen, die man im Gespräch stellt, dürfen keine rhetorischen Fragen sein und keine, die in Wahrheit eine Beschimpfung oder eine Maßregelung tarnen: „Was glaubst du eigentlich, was hier los wäre, wenn sich alle so wie du verhalten würden?“. Es müssen echte Fragen sein, die vom Interesse an der Person und an ihrem Erzählen und Erzählten inspiriert bleiben: „Kurz bevor du das machst, wie fühlst du dich da? Hast du zum Beispiel schon mal bemerkt, wie sich dein Bauch, deine Beine, dein Hals, deine Brust oder dein Kopf anfühlen?“. Über den Weg eines solchen Gesprächs könnte etwas heil werden. Aber diese Gespräche finden so selten statt (höchstens später in therapeutischen Kontexten, wo diese notwendige und leider ausgebliebene Beelterung nachgeholt wird). Viel öfter stellen Kinder fest, dass sie in ihrer Bedrängnis allein sind.

Einem Kind ist womöglich etwas zugestoßen und es versucht, bei den Eltern vorzufühlen, ob es sich anvertrauen kann. In ihrer Kooperationsbereitschaft und aus ihrer unendlichen Kompetenz heraus, versuchen Kinder zu vermeiden, Erwachsene zu belasten und zu überfordern. Darum starten Kinder, bevor sie etwas Wichtiges anbringen, häufig vorherige Versuchsballons: „Duuuuu, Mammmmmaaaa…?“ Abhängig von der Reaktion der*des Erwachsenen weichen sie dann entweder doch aus oder wagen sich einen Schritt weiter vor, oft mit einer hypothetischen Formulierung: „Was würdest du sagen, wenn… ich meine, nur mal angenommen…?“. So wie Eltern instinktiv oder intuitiv spüren, wann ihren Kinder etwas Gewichtiges auf der Seele liegt, spüren Kinder instinktiv oder intuitiv, wenn Eltern dem ausweichen, sich das Gewichtige anzuhören und Verantwortung übernehmen zu müssen. Wenn Eltern sich der Verantwortung nicht gewachsen fühlen, vereiteln sie öfter als man befürchtet die Aussage des Kindes, entziehen sich mit Vorwänden, einer unwirschen Reaktion als Abwehrhaltung oder Desinteresse. 

So bleiben manche Kinder mit handfesten Traumatisierungen allein. Ihre Scheu ist fortan die Selbstsorge, sich nicht noch einmal in eine Situation zu begeben, die das Nervensystem alleine nicht bewältigen kann. Bei dieser Scheu vor dem Leben und seinen Begegnungen handelt es sich nicht um die Konstitution der Hochsensibilität, wie sie der Transzendenzfähigkeit eigen ist (sechstes Beziehungs- und Entwicklungsdreieck), sondern es geht um eine sich selbst anerzogene Überempfindlichkeit und Überwachsamkeit. Es muss eine Wunde geschützt werden, zu deren Heilung man bisher keine Unterstützung finden konnte. An dieser Wunde trägt das Nervensystem (im Modell das innere Kind) schon so schwer, dass keine weitere Herausforderung angenommen werden kann. Für das weitere Leben sperrt sich ein solch verletzter Mensch metaphorisch in einen Käfig. Er*sie versteckt sich dort. Das Leben soll draußen bleiben und der Mensch selbst will sich in seinem Gefängnis möglichst vor dem Leben verstecken. Er versagt sich selbst jedes Maß an Interesse an sich selbst und an seiner Umwelt. So entstehen die Gleichgültigkeit, die Unberührbarkeit, die Emotionslosigkeit.

Nachdem die Erwachsenen, die die Sinnanfrage des Kindes abschlägig beantwortet haben, bereits selbst in einem solchen Käfig der letztendlichen Nichtansprechbarkeit gesessen haben, setzt sich die unheilvolle Kette fort. Es reiht sich Käfig an Käfig, in denen bunte Schmetterlinge daran gehindert werden, mit ihrer Schönheit die Welt zu bereichern und Pflanzen zu befruchten. Jeder Mensch, der sich selbst aus Angst vor dem Leben und seinen Herausforderungen wie auch aus Angst vor seinen Gefühlen und Emotionen in einen solchen Käfig gesetzt hat, so golden er zuweilen auch sein mag, enthält sich der Welt vor, enthält der Welt seinen einzigartigen Beitrag vor, betrügt aber auch sich selbst um seine Selbsterfahrung und letztendlich um seine Selbstverwirklichung. 

Es ist ein sehr realistisches Szenario im Passivpol des zweiten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks, dass als Nächstes das eigene Kind mit der implizit geäußerten Bitte um Beachtung und Hilfe eine Sinnanfrage stellt und dass das Elternteil sie aus seinem Käfig heraus nicht erkennt und demnach auch nicht angemessen beantwortet. Statt aufmerksam zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und passend zu handeln, schickt der*die Erwachsene das Kind vom Käfig weg, vielleicht sogar mit dem Hinweis darauf, dass er*sie aus dem Käfig heraus nichts tun könne: „Mir sind die Hände gebunden.“ Manche Kinder erhalten auch harsche Absagen an ihre Bitte um Unterstützung wie: “Ist das mein Problem?” oder “Was soll ich denn dagegen tun?”. Das ist dann das Vorbild des Kindes dafür, wie man offenbar mit den Sinnanfragen des Lebens umgeht. Man hört einfach weg. Man gibt sich gleichgültig und desinteressiert. Man lenkt seine Aufmerksamkeit nur insofern auf die Umgebung, als man diese Umgebung nach Gefahren für sich selbst absucht. Und wenn das Leben zu laut nach einem ruft mit seinen ganzen Fragen, hält man sich einfach die Ohren zu und zur Not verhüllt man den Käfig, damit er nicht mehr gefunden wird. Das Ergebnis ist das große Schweigen, das nahe Begegnungen verhindert. Anfragen des Lebens und der Mitmenschen werden nicht beantwortet, aber irgendwann fragen sie auch nicht mehr, so wie im eigenen Innern keine Fragen mehr entstehen, die man seinen Mitmenschen stellen könnte, weil man sich für sie interessierte.

© Ariela Sager

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