1 – Erbe

Es heißt, keiner von uns käme als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Wissenschaftlichen Erkenntnissen nach erfahren wir vorgeburtliche genetische Prägungen, zum Beispiel durch Übertragungen der mütterlichen Erfahrungen während der Schwangerschaft, wie auch durch transgenerational weitergegebene Themen, vor allem familiäre oder kollektive Traumatisierungen. Die Narrative unserer Vorfahren prägen uns bereits vor allem Anfang, wie die Erzählungen unserer Familien. Über diese familiären Erzählungen, aber auch über die im Schulunterricht und über die Medien vermittelten Erzählungen prägen uns auch die Erzählungen unseres Kulturkreises. Diese Prägungen finden statt, lange bevor wir die entsprechenden Erzählungen bewusst zur Kenntnis nehmen und uns mit ihnen als Erzählungen des familiären oder kollektiven Gedächtnisses auseinandersetzen. Unsere eigenen Erzählungen bauen für gewöhnlich auf den schon vorhandenen Grundlagen auf und verweben die alten, schon angebotenen Fäden mit den neuen, die wir selbst spinnen. Die Weitergabe der alten Narrative erfüllt den Sinn, Orientierung zu bieten und begangene Fehler der vorherigen Generationen sich möglichst nicht wiederholen, ihre Weisheit aber sich weiterentwickeln zu lassen. Insofern ist eine gesunde Erinnerungskultur für jede Generation immens wichtig.

Die spirituelle Erzählung geht darüber hinaus davon aus, dass wir neben der wissenschaftlich belegten zellulären Prägung und existenziellen Veranlagung auch eine essenzielle Veranlagung mit ins Leben bringen. Es handelt sich dabei um die Ausstattung an Talenten und potenziellen Wesensmerkmalen, die wir zur Erfüllung des Ziels und unseres Lebenssinns brauchen, die wir ebenfalls in uns veranlagt vorfinden. Es könnte sich zum Beispiel um das Ziel handeln, ein transgenerationales Thema zu transformieren, so dass sich die spirituelle und die wissenschaftliche Erzählung über die menschliche Veranlagung in dem Punkt treffen, in dem eine existenzielle Prägung ein essenzielles Thema aktiviert.

Die Erzählung, der Mensch würde vollständig von seinen Erfahrungen geprägt, wird in der kollektiven Erzählung inzwischen als zu schwach und kaum noch haltbar empfunden. Von einzelnen Individuen wird sie aber noch aufrechterhalten, um persönliche Defizite zu rechtfertigen. Menschen, die es sich selbst versagen, sich ihre Talente zu erschließen und sie dazu einzusetzen, dass ihr Leben gelingt, die vielleicht sogar von ihrem Weg abkommen und Straftaten begehen, verleugnen zuweilen ihre Selbstverantwortung gegenüber ihrer Veranlagung und verweisen stattdessen auf eine negative Prägung in ihrer Kindheit. Die Selbstverleugnung legt das Gewicht auf die existenziell durch das Verhalten ihrer Bezugspersonen weitergegebenen Narrative, Glaubens- und Verhaltensmuster und Konditionierungen. Sie betont also die Existenz des Egos, verleugnet aber die Möglichkeit, ein Selbst ausbilden zu können. Diese Sichtweise verleugnet damit das Vorhandensein von essenziellen Anlagen, die in die Existenz hereingeholt werden könnten. Sie verleugnet das menschliche Potenzial, wie es in jedem Individuum vorliegt, und verleugnet zwangsläufig auch die persönliche Verantwortung für dieses Potenzial.

Diese Selbstverleugnung kann bereits Teil des Familienerbes sein: „In unserer Familie hat es doch noch keiner zu was gebracht“. Mit dieser Haltung wird bereits dem Kind die Aufmerksamkeit versagt, auf Hinweise zu achten, die seine Talente und Stärken anzeigen würden. Folgerichtig wird es auch versäumt, das Kind zur Ausbildung einer starken Persönlichkeit zu ermutigen (Yin) und es darin anzuleiten (Yang). Dieser vorenthaltenen Aufmerksamkeit ihnen gegenüber schließen die Kinder sich in der Regel an. Vor allem Kinder, die elterliche Erwartungen zu erfüllen haben, müssen ihr eigenes potenzielles Selbst verleugnen, damit es nicht mit den zur Erwartungserfüllung notwendigen Charaktereigenschaften (falls sie nicht der eigenen Essenz entsprechen) in Konflikt gerät. Das sich selbst verleugnende Genie ist so ein Beispiel, das sich durch die Unterdrückung der eigenen Talente und Neigungen darum bemüht, die Scheinharmonie der Familienerzählung („jeder in unserer Familie … / keiner von uns …“) nicht zu stören. Dazu muss das Individuum eine vermeintliche Unzulänglichkeit herauskehren, die die Erwartung bedient, so zu sein wie die anderen, nicht “etwas Besseres” sein zu wollen, die anderen nicht zurückzusetzen. Das Individuum, das sich selbst die Ausbildung und Verwirklichung seiner Talente und in der Folge ein gelingendes Leben versagt, wird in der verkürzten Selbst- und Fremdwahrnehmung als Versager*in empfunden.

Manchmal liegt es aber auch an einer bloßen Fehlinformation über unser Menschsein, die Menschen dazu bringt zu glauben, sie seien nicht mehr als ihre Egoprägungen. Wer nie davon gehört hat, dass das menschliche Potenzial so viel größer ist als das, was die Menschheit kollektiv gesehen derzeit verwirklicht, oder wem gegenüber dieses Potenzial der Menschheit sogar verleugnet wurde, könnte leicht dazu kommen, auch dem Leben jeden Wert abzusprechen. Der Wert des Lebens liegt schließlich in den Entwicklungsmöglichkeiten, die das Leben dem Individuum und der Menschheit bietet, in der Einladung zur Selbstevolution. Denn die Evolution ist die Erzählung des Lebens. Das ist es, worum es dem Leben geht: Die Erzählung mit dem Titel “Evolution” lebendig werden zu lassen. Wer aber von diesem Selbst nichts ahnt, fragt sich vielleicht nach dem Sinn von Evolution, die er stereotyp als „Überleben des Stärkeren“ deutet und nichts weiter dabei finden kann. Es gelingt mit dieser Sichtweise nie, diesen möglichen Sinn zu erfassen, der doch im Antwortgeben aus dem Selbst heraus auf die Sinnanfragen des Lebens liegt und zugleich in der Selbstentwicklung durch das Antwortgeben. 

Bereits manches Erbe ist eine solche Sinnanfrage. Wenn wir uns den Blick auf unser Selbstpotenzial nun gestatten würden, könnten wir die Frage des Lebens an uns, die lautet: Wer bist du?, mit dem beantworten, was wir von jenseits der existenziellen Prägungen mit ins Leben gebracht haben, was wir aus der Transzendenz in die Immanenz geholt haben, wo es dennoch solange transzendent bleibt, wie wir es verleugnen, statt es uns zu eigen und damit immanent zu machen. Unser Weg beginnt nicht erst mit unserer Geburt. Ganz sicher aber endet er auch nicht mit ihr, wenn das Ziel die Rückkehr zu uns selbst ist. Wenn wir aufhören, dieses Ziel zu verleugnen, hören wir automatisch auf, uns selbst zu verleugnen, denn die Selbstwerdung ist der Weg zum Ziel, und das Ziel ist das Selbstsein. Die Selbstverleugnung steht dem Selbstsein essentiell und existentiell im Weg.

© Ariela Sager

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