7 – Verehrung

 

Den Archetyp des*der König*in verwirklichen

Mit dem Begriff der Verehrung meine ich nicht die Idolisierung eines Mitmenschen oder eines Tieres. Ein Mensch muss nicht überhöht und in einer glorreichen Erzählung von allen Fehlern oder von seinem Menschsein entgrenzt werden, um als zutiefst verehrungswürdig angesehen zu werden. Es ist sein Menschsein an sich, das so oder so verehrungswürdig ist. Das Menschsein an sich ist weit mehr als das aktuelle Verhalten eines Individuums. Das Menschsein eines jeden Menschen umfasst alles, was die Summe der menschenmöglichen Eigenschaften ausmacht. Vom dunkelsten, lieblosesten, selbstentfremdetsten Wesensanteil bis zum lichtvollsten, liebevollsten und selbstbewusstesten Wesensanteil umfasst ein einzelnes Individuum das Menschsein in einer einzigartigen Ausprägung. Jeder Mensch startet dabei sein Leben in der Unbewusstheit sich selbst gegenüber und wird sich idealerweise im Laufe des Lebensvollzugs seiner selbst immer bewusster. Dabei gibt es keinen Wertunterschied zwischen den Charakterorientierungen innerhalb der Phase der Unbewusstheit. Ob jemand einen neidischen, einen eifersüchtigen, einen geizigen, gierigen, machtbesessenen, herrschsüchtigen oder unterwürfigen Charakter hat bedeutet nur einen Unterschied in der persönlichen Wahrnehmung des Verhaltens, nicht aber in der Werthaltigkeit des Menschen. Für manche Individuen mag ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur nach Eifersucht leichter aushaltbar erscheinen als Neid, und Bevormundung angenehmer erscheinen als Geiz, aber von ihrer Werthaltigkeit her muss allen unbewussten Verhaltensweisen die Wertlosigkeit attestiert werden, insofern diese Verhaltensweisen von unbewusst egoistischen Motiven und nicht von bewusst altruistischen und humanistischen Werten gelenkt werden.

Wenn wir aber bedenken, dass diese Unbewusstheit gegenüber der inneren Wahrheit des veranlagten Potenzials an Selbstsein der Ausgangspunkt jedes Menschen ist und dass in diesem Ausgangspunkt nicht weniger als die Aufforderung an die Umwelt liegt, den jungen Menschen durch Unterrichtung, Vorbild und Spiegelung aus dieser Unbewusstheit heraus zu begleiten, gibt es nichts Verdammenswertes an dem zu entdecken, was wir niedere Beweggründe und unreifes Verhalten nennen (was nicht heißt, dass dieses Verhalten nicht als anstrengend empfunden werden kann und darf und auch nerven kann und sanktioniert werden muss).

Eine Haltung der Verehrung bringt an dieser Stelle einerseits Mitgefühl dafür auf, dass sehr viele erwachsene Individuen dieser Begleitung aus ihrer Unbewusstheit heraus entbehrt haben oder sie bisher aus einem persönlichen Kraftmangel heraus noch nicht adäquat in Anspruch nehmen konnten. Andererseits bringt sie die Haltung des Dienens ins Geschehen ein, mit der die bisher entbehrte Begleitung vielleicht angeboten wird. In dieser Haltung verwirklicht sich der Archetyp des*der König*in. Der Archetyp wird in der Manifestation zum*zur dienenden Gefährt*in, der*die absolut nichts Unterwürfiges hat, sondern aus der vollen Souveränität heraus und damit mit natürlicher Autorität spricht, schweigt, agiert und unterlässt. Zwar geschehen die Dinge durch diesen Menschen nicht mehr absichtslos, aber die Absicht wird aus der Matrix generiert und hat darum stets das Ziel, dem anderen Menschen zu dienen und in seiner Selbstevolution behilflich zu sein.

Die Haltung der Verehrung blickt über die noch nicht erfolgte Entwicklung hinaus. Sie blickt auf das Potenzial, das ebenfalls Teil des Menschseins ist und das für gewöhnlich durch das unbewusste Verhalten hindurchschimmert. Auch hier gibt es keinen Wertunterschied zwischen den spirituellen Gaben, die von den Individuen verkörpert werden. Die Genialität ist so wertvoll wie die Heilkraft, die telepathische Fähigkeit, die Meisterschaft oder die Manifestationskraft. Alles sind mediale Fähigkeiten, die sich aus der Bewusstheit für die persönliche Einheit mit dem Kosmos ergeben. Wenn sie souverän der Menschheit dienstbar gemacht werden, werden sich zwar Präferenzen gegenüber den Medien ergeben (den Menschen und ihren Methoden), aber die spirituelle Gabe basiert immer auf hohen Menschheitswerten und hat das Ziel, einen anderen Menschen mit sich selbst zu verbinden. 

Zwischen diesen beiden Polen, der gänzlichen Unbewusstheit dem eigenen Potenzial gegenüber und der Bewusstheit einem vollständig erschlossenen Potenzial gegenüber spannt sich jedes menschliche Dasein auf. Die Haltung der Verehrung sieht das Ganze, den ganzen Menschen, seine Angst und seine Liebesfähigkeit, sein Entwicklungspotenzial und seine tatsächlich schon bewerkstelligte Entwicklung. Sie ehrt den Umgang des Mitmenschen mit seinen Hindernissen, Blockaden und Hemmnissen mit der Sichtweise, dass jedes Individuum stets sein ihm*ihr mögliches Bestes gibt. Das ist so, auch wenn uns dieses Beste oft so dürftig und unzulänglich erscheint und negative Auswirkungen in der Welt hat. Im jeweiligen Bewusstseinsstadium geht von einem Menschen das aus, was ihm*ihr in diesem Bewusstseinsstadium möglich ist. Wenn wir andere Ergebnisse wollen, müssen wir nicht den Menschen verändern, sagt die Haltung der Verehrung, wir müssen sein Bewusstsein dafür erweitern, wer er*sie in Wahrheit ist und wer er*sie von hier aus gesehen sein könnte.

Mit diesem Blick hält die Verehrung des Menschseins den Schlüssel zum Herzen der Welt in der Hand. Diese Haltung äußert sich in einem bedingungslosen Respekt und in einer Haltung der Achtung jedem anderen Lebewesen gegenüber, egal, was es getan oder nicht getan hat. Sie äußert sich in der bedingungslosen Verwirklichung der humanistischen Werte, deren kleinste Einheit das von Herzen kommende Erweisen von Höflichkeit und Freundlichkeit ohne Ansehen der Person ist. Darin bezieht sich der Kosmos durch den Menschen als Medium auf die Welt. 

In der Haltung der Verehrung und im Erweisen von Freundlichkeit wird die Transzendenz zum spürbaren Teil der Immanenz. Die Verehrung ist sich der Transzendenz in der Immanenz stets gewiss. Ihr selbst ist wiederum immanent, dass sie diese Gewissheit mühelos auch verwirklicht und sich selbst bewusst zum Medium macht, um durch die Haltung der Verehrung das Verehrungswürdige in der Welt anzusprechen und es so zu aktivieren. Der wahre König*die wahre Königin sieht in ihren Mitmenschen, egal welchen sozialen Standes, nur Könige und Königinnen.

© Ariela Sager

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