4 – Sammlung

Den Archetyp des*der Gastgeber*in verwirklichen

Am liebsten würden wir vielleicht unsere Arme um die Welt legen, sie an unser Herz gedrückt halten und warten, bis dieses wütend rebellierende und so verloren wirkende Kind sich beruhigt hat, so dass es zur Besinnung kommen und endlich wieder hinsehen und zuhören kann. Falls sich dieser Impuls von Zeit zu Zeit einstellt, möge er gegenüber dem eigenen Herzen oder vermittelt über einen Gegenstand, unter dem man sich die Welt vorstellt, unbedingt ausgeführt werden. Es muss Wärme in die Welt hineinkommen: Herzenswärme. Wenn eine physische Umarmung nicht adäquat erscheint oder die bestehende zwischenmenschliche Distanz einfach nicht überbrückbar ist, genügt die Wärme eines verständnisvollen Kopfnickens, eines Blicks oder eines Lächelns. Dem Erzählen eines Anderen gegenüber mit ganzem Verstehenwollen nachzufühlen und dem, was man verstanden und wofür man Verständnis hat, auch Ausdruck zu verleihen, setzt einen entscheidenden Impuls, Herzen zu heilen. Vielleicht legt man die Hand auf sein eigenes Herz, während man dem Anderen zugehört hat und nun sagt: „Das verstehe ich.“

Es geht darum, unsere Spiegelneuronen einzusetzen, um uns gegenseitig aus der Verständnislosigkeit herauszuheben, indem wir einander kommunizieren: „Ich fühle mit dir.“ Oft fehlt es an einer geeigneten Sprache, mit der Gefühle überhaupt erfasst werden könnten. Dann könnte man dem anderen Worte anbieten, sie ihm quasi borgen, damit er*sie sich selbst etwas besser verständlich wird. Genau das leistet vor allem die Literatur. Diese geborgten Worte wirken nach und nach wie ein sicheres Zuhause innerer Sammlung, während sie zunächst einer Gastgeberschaft entsprechen. Man verwirklicht den Archetyp des*der Gastgeber*in, wenn man jemanden einlädt, sich auf der langen Reise, die wir alle unternehmen und die wegen der vielen Emotionen so anstrengend wirken kann, ein wenig auszuruhen und etwas Gepäck abzuladen.

Über dieses herzbasierte Mitfühlen wird der Andere in die Lage versetzt, sich auch selbst zu fühlen und zu sehen, und zwar mit den Augen der Liebe. Dieses herzbasierte Sehen spiegelt dem Anderen die Schwierigkeiten und den Schmerz, die über seine Emotionen und irrationalen Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen. Es spiegelt ihm aber auch seine durch den Schmerz hindurch schimmernde Wahrheit, eine kosmische Individuation zu sein. Zu sagen, „ich verstehe, warum du dich so verhältst, ich sehe aber auch dein hohes Licht und ich liebe dieses Licht“, kann dazu führen, dass das Licht sich im Herzen sammelt. Hört dieser Mensch etwas Derartiges öfter (und lässt sich davon berühren), sammelt sich mehr und mehr Licht im Herzen an, bis es sich schließlich seinen Weg nach draußen bahnt. Das können wir für die Welt tun, die sich nicht immer physisch umarmen lässt, wenn sie wie ein rebellisches und trotziges Kind im Zimmer herumwütet. Wir können sie metaphysisch und geistig umarmen. Unsere Bereitschaft, den anderen seiner Individualität nach zu verstehen, zu der seine Erfahrungen, seine Herausforderungen, seine Limitationen, seine Ressourcen, seine Eigenkräfte und sein noch ungehobenes Potenzial zählen, ist eine Umarmung mit Worten, wenn wir einfach nur sagen: „Ich sehe dich und ich verstehe, dass es sich für dich so anfühlt, wie du sagst.“

© Ariela Sager

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