2 – Verlangen

 

Den Archetyp des*der Heiler*in verwirklichen

Wonach es die Seele wirklich verlangt und worauf alles materielle Verlangen verweist, ist, echte menschliche Erfahrungen zu machen und dabei die Eigenkräfte produktiv einzusetzen. Die Seele hat sich nicht inkarniert, um die Augen dann nur auf Bildschirme starren zu lassen. Sie hat sich nicht inkarniert, um die Ohren den immer gleichen Kram hören, die Zunge die geschmacklose Eintönigkeit schmecken, die Nase nur den Großstadtmief riechen und die Haut nichts mehr spüren zu lassen. Das alles mag eine Erfahrung sein, aber es ist eine Erfahrung der Leblosigkeit. Stattdessen verlangt es die Seele nach Leben, nach Lebendigkeit, nach dem Lebensvollzug und nach der vollen Würze des Lebens. Wenn wir diese Lebendigkeit in unserem Leben erzeugen, tun wir nahezu automatisch etwas für die Welt in Sachen Lebendigkeit und wirklichem Leben.

Lebendigkeit, wenn sie authentisch und nicht aufgesetzt und bloß simuliert ist, wirkt sofort ansteckend auf andere. Sie wirkt anziehend, indem sie das innere Kind des anderen anspricht, dessen Verlangen nach Lebendigkeit sofort geweckt wird. In aller Regel muss der Charakter des so geweckten Verlangens noch mal geklärt werden, denn oft wird er missverstanden und das Verlangen wird auf die andere Person projiziert und als emotionale Sehnsucht, als Beziehungswunsch und als sexuelles Verlangen gedeutet. In Wahrheit und in der Tiefe geht es aber um das geweckte Verlangen, selbst wieder oder endlich lebendig zu werden. Schon der Blick aus lebendigen Augen, ein Zwinkern kann dieses Verlangen auslösen. Es kann erotisch verwirklicht werden, muss aber nicht. Es kann auch auf anderen kreativen Wegen ausgedrückt werden.

Was wir für die Welt tun können, die es in aller Unbewusstheit nach Lebendigkeit verlangt – und das tut es! – ist, dass wir unsere kleinen Bildschirme zur Seite legen, unser konditioniertes Denken und unsere Floskeln auch – das floskelhafte Fragen, wie das floskelhafte Antworten –, und dass wir stattdessen den Blick heben, die Augen öffnen und den Geist stillhalten, um den Anderen einmal wieder oder zum ersten Mal wirklich anzusehen, ihm einmal wirklich zuzuhören und ihn auch mit den weiteren Sinnen zu erfassen. So erzeugen wir Überraschungen an Fragen und Antworten und nichts ist lebendiger als eine überraschende Frage oder Antwort oder ein mit aufflammendem Interesse zugewendeter Blick.

Zugleich ist aber auch nichts lebloser als völlig vorhersehbare Aktionen oder Reaktionen. Soziale Masken und Konventionen mögen den zwischenmenschlichen Umgang erleichtern und ihre Berechtigung haben. Wir sind aber kollektiv in etwas hineingeraten, bei dem wir es kaum noch geschafft haben, die soziale Distanz zugunsten einer persönlichen Distanz (mehr Nähe) zu unterschreiten. Die durchaus grassierende Distanzlosigkeit unangemessener Annäherungen kann nicht als Äquivalent zur Distanzverringerung oder gar zum Herstellen von Nähe gesehen werden. Ja, es geht um die erneute Annäherung aneinander, um im Miteinander all das wieder zu erleben, was das Leben ist.

Zur Annäherung kann nur eingeladen und inspiriert werden. Nichts darf erzwungen oder geraubt werden. Indem wir über unsere Wahrnehmungen die Welt oder einen anderen Menschen betreffend sprechen – nicht über ihn, sondern mit ihm sprechen – aktivieren wir dessen eigene Wahrnehmungsfähigkeit sich selbst und der Welt gegenüber. Dabei sagen wir ihm nicht, wie er oder sie die Welt zu sehen hat. Wir machen nur ein Angebot. „Ich sehe es so. Wie siehst du es? Was siehst du überhaupt? Und was führt dazu, dass du es auf diese Art siehst?“ Von hier aus landen wir bei unseren Erfahrungen, aber auch bei unseren Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Sehnsüchten. Bei unserem Verlangen gegenüber dem Leben landen wir und helfen einander durch das gegenseitige Interesse am Menschsein des anderen Menschen, dieses Verlangen endlich wieder wahr- und ernstzunehmen.

Es geht also darum, die Augen aufzuschlagen und den Mitmenschen und die Welt wirklich zu sehen, illusionslos und jenseits seiner Selbstbildkonstruktionen, und den*die Gesprächspartner*in über eine gut gestellte Rückfrage aus seiner*ihrer leblosen Floskelhaftigkeit herauszuführen, hinein in die Lebendigkeit, sich selbst zu sehen und das Leben wieder zu lieben. Wir entfalten also unsere heilende Präsenz aus unserer Verbindung mit dem Kosmos heraus, indem wir dem Verlangen eines Menschen etwas Rechnung tragen. Die meisten Menschen werden lebendiger, wenn sie merken, dass man sich für sie interessiert und dass man sie sieht. So verwirklicht sich der Archetyp des*der Heiler*in.

© Ariela Sager

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