Kapitel 5: Ressourcen

Einführung

Vom Haben ins Sein kommen: Kontakt mit seiner inneren Quelle finden.

Ressourcen sind unsere inneren Kraftquellen. Man kann sie sich wie ein inneres Zuhause vorstellen, an dem man von der inneren Familie empfangen und mit Trost und neuer Kraft versorgt wird.

Ressourcen entstehen aus verwirklichten Werten, aus dem Zusammenspiel von Yin und Yang zugunsten des inneren Kindes, so wie sie für das Kind im Zusammenspiel der Eltern und nahen Bezugspersonen entstehen. Sie entstehen ab dem Moment in der Kindheit, in dem die Bezugspersonen eines Kindes sich dem Kind gegenüber auf der Basis ihrer Einstellungswerte (humanistische Werte) wertvoll verhalten. In diesen Fällen fördern Erwachsene die Eigenkräfte des Kindes (Yang 1) auf der Basis ihrer inneren Werte der Anerkennung und der Ermutigung (Yin 1). Sie verhalten sich angemessen, in diesem Fall kindgerecht und bedürfnisorientiert (Yang 2) auf der Basis ihrer vollen Präsenz und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Kindes (Yin 2). Sie zeigen sich konsequent und bieten Führung an (Yang 3) auf der Basis von Respekt und Wertschätzung für die kindliche Persönlichkeit (Yin 3). Sie verhalten sich fürsorglich (Yang 4) auf der Basis einer mentalisierenden Empathie (Yin 4). Indem das Kind die sich aus den Werten der liebevollen Vernunft  ergebenden Wohltaten empfangen und ihre Wirkung an sich erleben darf (Passivpol 5), kann es die Erfahrung als stärkend und aufbauend für sich abspeichern und idealerweise in seinem Nervensystem verankern. Eine Verankerung findet durch die emotionale Verknüpfung statt, die vor allem dann entsteht, wenn die Handlung als authentisch und glaubwürdig erlebt wird (Yang 5), so dass man ihrer Echtheit vertrauen kann (Ressource 5). In die Verankerung (Yin 5) wird sowohl das Wohlgefühl aufgenommen als auch der Weg, der dorthin führt, das Wohlgefühl zu erzeugen: „Immer wenn ich traurig war, haben meine Eltern…. Darauf konnte ich mich verlassen“.

Eine der bedeutsamsten Ressourcen ist dabei das Vertrauen (Dreiecksfäche 6) selbst. Eine ebenso wichtige Ressource ist die Resilienz (Dreiecksfläche 7). Integrität (Dreiecksfläche 5), Selbstvertrauen (Dreiecksfläche 4), Selbstwertsicherheit (Dreiecksfläche 3), Selbstbewusstsein (Dreiecksfläche 2) und Selbstsicherheit (Dreiecksfläche 1) sind die Ressourcen der Beziehungs- und Entwicklungsdreiecke eins bis fünf, wobei fünf die Manifestation der vier erfüllten Grundbedürfnisse und damit der vier Grundressourcen darstellt. 

Im Dreiecksmodell, wie es das Erwachsenwerden und Erwachsensein abbildet, liegen die Ressourcen in den Dreiecksflächen, in der Mitte also zwischen Yin, Yang und dem inneren Kind. Das alleingelassene innere Kind wird aus seinen Ängsten und den entsprechenden emotionalen Angstmerkmalen der dualistischen Pole herausgehoben und von den Werten des erwachsenen Individuums, den Einstellungswerten und den Handlungswerten, flankiert. Im Modell sprechen wir davon, dass der innere Erwachsene das innere Kind in seine Obhut nimmt und ihm Sicherheit, Verbindung und Führung anbietet. Der innere Erwachsene nimmt die tieferen (Grund-)Bedürfnisse hinter den persönlichen Wünschen und Emotionen wahr und erfüllt sie sich selbst auf erwachsene Art. Dergestalt erfüllt geht er auf andere Menschen zu oder bittet auf ebenso erwachsene Art um Unterstützung bei der Selbsterfüllung. Psychologisch gesehen emanzipiert der Mensch sich von seinen Kindheitsmustern, findet Anbindung an sein Selbst und wird erwachsen. Dabei bilden die Ressourcen das Merkmal des Erwachsenseins und stellen zugleich die Kraftreserven dar, aus denen sich das Erwachsenseinkönnen speist.

Wenn in der Psychologie nach den Ressourcen eines Menschen gefragt wird, dann sind diese inneren Schätze gemeint, die möglichst an konkreten Beispielen benannt und belegt werden sollen: Woran merkt das innere Kind denn, dass es dem inneren Erwachsenen vertrauen kann (Selbstvertrauen)? Woran merkt es, dass es wertvoll ist (Selbstwertsicherheit)? Wie schafft der Mensch es, sich angesichts von Herausforderungen sicher und kompetent zu fühlen (Selbstsicherheit)? Was genau weiß das Individuum denn über seine Einzigartigkeit, mit der es da ist in der Welt (Selbstbewusstsein)? Hier wird dann konkret gefragt: „Was tun Sie, wenn Sie sich traurig/einsam/deprimiert/verloren/überfordert etc. fühlen? Wie verhalten Sie sich dann sich selbst gegenüber? Was tun Sie, um wieder auf die Beine zu kommen und in einen sicheren Stand zurückzufinden, wenn Sie zu Boden gefallen sind?“ Die Antworten fallen genauso konkret aus: „Ich mache einen Spaziergang im Wald. Da kann ich mich gut sammeln und wieder synchronisieren. Die Natur hat mir schon als Kind gut getan.“ Oder: „Ich konsultiere meine Orakelkarten und holen mir eine Inspiration über meine innere Stimme. Danach habe ich neue Ideen und weiß mir selbst zu helfen.“ Oder: “Ich reguliere mich selbst wie in einer Art Gebet.”

Ressourcen sind in ihrer Gesamtheit das innere Zuhause eines Menschen. Jede einzelne Ressource bildet ein Stück Angekommensein bei sich selbst, respektive in seinem Selbst. Es ist ein Stück der Rückkehr in das eigene Urbild hinein. Von hier aus kann man sich auf die Welt beziehen, kann seine Kraft teilen, kann sich mitteilen, kann wahrhaft lieben, geben und auch empfangen. Das Vorhandensein von Ressourcen wird auch Fülle genannt. Hier hat man ein inneres Kraftwerk, an dem man sich wieder aufladen kann, falls es nicht ohnehin so ist, dass man sich in polaren Beziehungen mit anderen ressourcenstarken (integren) Menschen im gemeinsamen Tun auflädt. In diesem Fall kann auch eine Beziehung zu einer Ressource werden. 

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich die Gesamtheit der Ressourcen eines Menschen den Lebensqualitäten Gesellschaft (Juli) und Fülle (August) zuordnen. Man merkt schon, dass man sich in der Mitte des Jahres, wie auch in der Mitte des Lebens befindet. Die Integrität oder die Vernunft als die übergeordnete Bezeichnung für die Ressourcen wird etwa im Alter zwischen 28 und 35 ausgebildet. Im Denkmodell des Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks handelt es sich um die Dreiecksfläche des fünften Dreiecks, in der die vorherigen Dreiecksflächen eins bis vier enthalten sind. Ist das fünfte Dreieck mit der persönlichen Integrität vollständig entwickelt, so dass es zur Konsistenz zwischen Ich und Selbst gekommen ist, geht der Weg vor allem für hochsensible Personen in der Erschließung des sechsten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks weiter in Richtung Transzendenz. Die dort liegende Ressource ist das Urvertrauen. Nach dem sechsten Dreieck wird das siebte Dreieck erschlossen, dessen Ressource die Resilienz ist. Die Entwicklung ist die von der Prärationalität des mythischen Bewusstseins hinein in die volle, gesunde Rationalität der persönlichen Integrität (des mental-rationalen Bewusstseins) und geht von dort weiter in die Transrationalität eines spirituellen und integralen Bewusstseins.

© Ariela Sager

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