4 – Verbindung

Eine Verbindung kann ein Prozess oder ein Zustand sein. Als Zustand ist sie eine Ressource. Die Fähigkeit, sich zu verbinden, ist eine Ressource. Sie basiert auf dem doppelten Bewusstsein, als Mensch einerseits ein einzigartiges Individuum zu sein und andererseits immer Teil des alle Lebewesen einenden kosmischen Bewusstseinsstroms zu bleiben. Daraus ergibt sich eine Zeitlang im Leben die Wahrnehmung, von anderen getrennt zu sein und sich sogar isoliert und einsam zu fühlen, bis man das Gefühl zugunsten eines aktiven Engagements für etwas Größeres aufgibt. Jetzt besinnt man sich vielleicht darauf, wie ein Orchester oder eine Band funktioniert: Jede*r Musiker*in beherrscht ihr*sein Instrument in der ihr*ihm eigenen Vollkommenheit und nimmt damit ihren*seinen Platz in einem zu ihr*ihm passenden Orchester ein. Es geschieht also auf manifester Ebene, was auf metaphysischer Ebene angenommen wird: Die Inkarnation dient dem Voranschreiten in der sich selbst erfahrenden Bewusstseinserweiterung (der Menschwerdung) und zugleich ist das Verbundensein mit anderen der natürliche Seinszustand des Menschen. Deshalb ist der Mensch ein soziales Wesen, das unter der Vereinzelung leidet.

Lange bevor es zu echten Verbindungen kommt, liegen ambivalente und dualistische Beziehungskonstrukte vor, die der Selbsterfahrung und dem Wachstum der Individuen dienen (die Verbindungen zwischen den Schattenpolen). Echte Verbindung (im Sinne der Orchestermetapher) muss dagegen zuerst, bevor sie sich im Außen manifestieren kann, zwischen den inneren Instanzen im Individuum hergestellt werden. Vor allem Herz und Verstand müssen miteinander verbunden sein, damit von einem Menschen echte Wärme ausgehen kann, die dann auch die Kraft hat, sich aktiv in eine Gruppe einzubringen und dort nicht nur die Wärme der Anderen konsumieren zu wollen.

Im Prozess der Verbindung muss darauf geachtet werden, dass man die zu verbindenden Instanzen richtig identifiziert. Den inneren Kritiker für den Verstand zu halten und den inneren Rebellen für das Herz und diese beiden emotionalen Instanzen miteinander zu verbinden, führt zu keiner harmonischen Melodie im Innern. Das Herz ist das innere Kind mit seinen Affekten, aber auch das innere Kind mit seinen Gefühlen, und der Verstand ist der innere Erwachsene mit seinen Werten (und nicht der innere Kritiker). Die beiden Instanzen inneres Kind und innerer Erwachsener so miteinander zu verbinden, dass das innere Kind vom inneren Erwachsenen geführt wird und Halt erfährt, schafft die erste melodische Harmonie. Tatsächlich aber handelt es sich bereits in dieser groben Betrachtung der inneren Instanzen in Wahrheit um drei Einheiten: das innere Kind, das weibliche Prinzip (Yin) und das männliche Prinzip (Yang). Das Schöne, das Wahre und das Gute. Und je differenzierter man die Betrachtung anstellt, desto mehr Instanzen lassen sich identifizieren, die miteinander verbunden werden wollen, um die innere Isolation zu überwinden.

Verbindung im Innern, mit sich selbst, eine Verbindung, in der der Verstand das Herz wahrnimmt und es zu halten vermag, ist eine große Ressource des Menschseins. Es gibt viele Wege, über die diese Verbindung hergestellt werden kann, und sie haben alle mit der Selbstbewusstwerdung und der Selbstwerdung zu tun. Wenn die Ressource der inneren Verbindung dann vorliegt und gepflegt wird (zum Beispiel im inneren Dialog oder im Zulassen des inneren Bewusstseinsstroms), ist sowohl das Alleinsein möglich, ohne sich isoliert und einsam zu fühlen, als auch das fruchtbare Zusammensein mit anderen. Man ist in der Lage, Beziehungen initiativ anzubahnen und sie aktiv zu gestalten, wie man auch in der Lage ist, sie zu beenden und sie loszulassen, wenn ihre Zeit vorüber ist. Die notwendigen Gefühle der Traurigkeit und des Verlustes werden innerhalb der inneren Verbindung, die als Selbstvertrauen vorliegt, aufgefangen, ganz so, als würde man mit seinem gebrochenen Herzen in die Arme seiner Familie nach Hause kommen. In dieser Verbindung nimmt sich der Verstand (das Selbstmitgefühl (Yin) und die Selbstfürsorge (Yang)) des Gefühls (der Trauer, der Eifersucht und des Schmerzes) an und umsorgt das Herz liebevoll, solange es des Umsorgtwerdens bedarf. Das innere Kind kann sich mit all seinen Nöten dem inneren Erwachsenen anvertrauen und kann sich auf dessen Mitgefühl und dessen Loyalität verlassen. Das ist das Wesen des Selbstvertrauens.

© Ariela Sager

Nächster Artikel: 5 – Ausdrucksvermögen (Integrität)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.