3 – Tapferkeit

Eher noch, als dass vom mutigen Ritter gesprochen wird, wird der Archetyp des Ritters mit der Eigenschaft der Tapferkeit assoziiert. Der tapfere Ritter ist zu einem Topos des Hochmittelalters geworden, als mit der Minne zugleich die Verkörperungen der Ideale des Schönen, des Wahren und des Guten besungen wurden. Diese Ideale sollten von edlen und tapferen Rittern verteidigt werden.

Tapferkeit ist dabei eine etwas andere Ressource, als der Mut es ist. Die Tapferkeit ist eine innere Kraft, die Ambivalenz auszuhalten in der Lage ist. Etwas, das ist, hat stets zwei Gesichter und ist verschieden werthaltig im gleichen Ding. Menschen haben stets zwei Gesichter, selbst dann, wenn sie bereits hochentwickelt und reif in ihrer Persönlichkeit sind und das „negative“ Gesicht integriert ist. Auch sie haben jedes Recht, negative Gefühle wie Neid, Eifersucht, Ablehnung etc. zu erleben und sie auch auszudrücken, wenn die Situation es erfordert oder zulässt und sofern sie es auf angemessene Art tun. Ebenso sind die meisten Lebenssituationen ambivalent. Man erlebt die Möglichkeiten stets zugleich mit den Begrenzungen und sei es nur das Gewahrsein darüber, dass jedem Anfang schon sein Ende und damit die Notwendigkeit, sich zu wandeln oder Abschied zu nehmen innewohnt, genauso wie umgekehrt jedes Ende schon sein Neues mit sich führt. 

Die gewichtigste Ambivalenz erlebt man wohl in sich selbst: Man verspürt Zuversicht und die Richtigkeit seines Wegs und zugleich fühlt man Angst und Sorge, dass sich die Hoffnungen und das, worauf man hinarbeitet, vielleicht nicht erfüllen. Man ist schon so weit gekommen und weiß inzwischen ganz gut darüber Bescheid, wer man ist (Identität) und was man wert ist (Selbstwert), und doch scheint so viel noch immer unerschlossen zu sein, denn man stößt noch immer an so viele Grenzen. Manche Türen, die einem wichtig wären, öffnen sich noch immer nicht. Zu manchem erhält man noch immer keinen Zugang, obwohl man ihn sich so dringend wünscht. Es ist, als würde immer noch etwas fehlen, als sei man immer noch nicht gut genug.

Statt die Begrenzung zu leugnen und die Grenzen überrennen zu wollen, bringt die Tapferkeit einen zunächst dazu, die Ambivalenz des Lebens akzeptieren und ertragen zu können. So ist es eben mit dem Leben, das bis zum letzten Atemzug Wandel und Transformation ist: Man ist immer schon weit gekommen und hat noch ein gutes Stück Weg vor sich. Man fühlt sich demnach wertvoll und unzulänglich zugleich, zuversichtlich und ängstlich.

Die Frage ist, was die Ressource der Tapferkeit bereit hält, um mit der Ambivalenz des Lebens gut, angemessen, wirklichkeitsadäquat umzugehen. Die Tapferkeit ist eine Kraft, die trotz allem voranschreitet. Anders als der Mut blendet sie die Angst nicht aus, sondern sie nimmt die Angst zur Kenntnis (Yin) und leitet dennoch das Voranschreiten an (Yang). Und zwar respektiert sie die sich auftürmenden Begrenzungen und Hindernisse als zum Leben gehörend, wie sie auch die Grenzen der Mitmenschen respektiert (Yin). Außerdem würdigt sie das, was von einem selbst oder anderen zur Überwindung der Grenzen geleistet wurde (Yang) und leitet auf dieser Basis weitere Maßnahmen ein, um auch eine nächste Grenze zu transzendieren. (Transzendieren und nicht einrennen.) Das ist die Leistung der Tapferkeit. Sie weicht vor einer auftauchenden Grenze nicht zurück, wertet den sich abgrenzenden Menschen nicht ab und hält auch sich selbst nicht für minderwertig, nur weil er*sie an eine Grenze stößt. Falls diese Emotionen doch emporsteigen, übernimmt die Tapferkeit Verantwortung und kümmert sich um das innere Kind, indem sie ihm gegenüber von der grundsätzlichen Ambivalenz des Lebens spricht. 

Zugleich betrachtet die Tapferkeit sich sehr genau, was die Grenze sagt, was es zu ihrer Überwindung bedarf. Dazu wird nun nicht die Wahrnehmung der grenzsetzenden Instanz zu manipulieren versucht, wie es Narzisst*innen tun würden, sondern die Tapferkeit würdigt die Bedingungen des Anderen und weiß, dass der individuelle Wert des eigenen Selbst sicher ist, egal, ob das Individuum beschließt, die Bedingungen des*der Anderen zu erfüllen oder nicht. Zu einem gesunden Selbstwertempfinden gehört schließlich, sich auch seiner eigenen Bedingungen bewusst zu sein, sie zu respektieren und sich für ihre Erfüllung durch Abgrenzung und Konsequenz stark zu machen. Der Blick auf die eigenen Defizite, die die Grenze derzeit noch notwendig macht – selbst wenn man die Sicht des*der Anderen dazu nicht als die eigene empfindet, kann also aus voller Tapferkeit erfolgen.

Die Tapferkeit kann vor allem mit der Ambivalenz umgehen, dass alles an Leben bedingt ist, weil das Leben nur einen Teil des Absoluten repräsentiert und jedes Lebewesen nur einen Teilaspekt des Allganzen verkörpert. Wir treten also immer in Relation zueinander in Beziehung mit dem Ziel, uns weiterzuentwickeln, Grenzen hinter uns zu lassen und stets neuen Wert zu schöpfen, wobei wir vergangene Erfahrungen verwerten, während wir neue Erfahrungen schaffen. Dabei ist sich die Tapferkeit darüber im Klaren, dass es die bedingungslose Liebe als reales Faktum gar nicht gibt (und auch nicht geben sollte). Es gibt die Liebe. Sie ist das Bewusstsein dafür, dass alle aus derselben Quelle stammen und darum eins sind. Und es gibt das Inkarniertsein, das allen möglichen Bedingungen unterliegt, damit wir unsere Eigenkräfte aktivieren und zu gebrauchen lernen. Diese Bedingungen leugnen zu wollen, unternimmt das Kind, das in seiner Hilflosigkeit noch Bedingungslosigkeit braucht, wie es sie in der bedingungslosen Mutterliebe erfährt. Die Mutterliebe garantiert dem Kind, dass hier ein Menschenpaar, nämlich die Eltern, volle Rücksicht auf die Bedingungen nimmt, die das Kind zu seinem Gedeihen braucht. Die erwachsene Ressource der Identität, der Selbstwertsicherheit und der Tapferkeit aber ist in der Lage, mit der Bedingtheit von Leben umzugehen und die Eigenkräfte (die Einstellungswerte und die Handlungswerte) dagegenzusetzen. Und zwar unternimmt die Tapferkeit es aus dem ambivertierten Temperament heraus, sich situationsgerecht seiner Ressourcen und seiner Werte zu bedienen und mit ihnen auf die Bedingungen zu wirken. Der erwachsene Mensch braucht daher keine bedingungslose Mutterliebe mehr. Dass er*sie für seinen*ihren Wert geliebt wird, den er*sie in der Welt verwirklicht, mit dem er*sie also erlebbar und fühlbar wird, ist völlig legitim. Der mittelalterliche tapfere Ritter wusste das und hat daher alles daran gesetzt, das Schöne, das Wahre und das Gute in der Welt zu verteidigen, wobei dieser Verteidigungsakt so viel über ihn ausgesagt hat. Er musste dazu das Schöne (seine Gefühlswelt), das Wahre (seine Sensibilität) und das Gute (seine Eigenkraft) in sich selbst vereint haben.

© Ariela Sager

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