2 – Ganzheit – Heilkraft

Ein Kernsatz des spirituellen Narrativs über die kosmischen Gesetze ist der, dass das menschliche Individuum seine Realität auf Basis seiner Gesamtheit an bewussten und unbewussten Gedanken- und Energieströmen erschaffe: „Wie innen, so außen“. Wer sich selbst und das Leben so gut genug beobachtet, dass sie*er diesen Zusammenhang einfach empirisch erkennt, hat kein Problem, dieses Narrativ, „euch geschehe nach eurem Glauben“ (Jesus, Matthäus 9,29), für sich zu akzeptieren und „daran zu glauben“. Wer weitgehend unbewusst durch die Welt geht, wird keine Verbindung zwischen seinem eigenen Denken und Fühlen und dem erkennen, was einem im Leben geschieht oder wie sich das eigene Leben darstellt. Ein solcher Mensch wird sowohl das Narrativ als auch die sich daraus ergebende Verantwortung ablehnen. Ihrer*seiner Meinung nach tragen andere Schuld an ihren*seinen Gefühlen, an ihrer*seiner Existenzweise, oft auch an ihrer*seiner eingeschränkten Gesundheit oder materiellen Armut. Hier herrschen Hilf- und Machtlosigkeit nicht nur als gefühlte, sondern auch als faktische Realität vor. Gerade vom Kosmos fühlt man sich verlassen. Dabei ist die Vorstellung davon, worin das Wesen der menschlich-kosmischen Partnerschaft besteht, häufig entstellt und illusionär.

Eine Wahrheit, die sich in unterschiedlicher Formulierung durch die Weltreligionen zieht, ist die, dass der Kosmos (die Liebe, Gott, das Absolute, das All-Eine) in uns und in der Welt ist, insofern, als wir seine Individuationen sind. Jeder Planet ist ein Teil des Allganzen (oder eben des Alls), wie es auch jedes Lebewesen auf den Planeten ist. Es gibt das Allganze und es gibt seine Individuationen, wobei die Gesamtheit der Individuationen das Allganze bildet. Für die Inkarnationen auf anderen Planeten wissen wir es nicht, aber für die Inkarnation auf dem Planeten Erde scheint es sich der Beobachtung nach bei dem Projekt Leben um eine Bildungs-, Beziehungs- und Entwicklungserzählung zu handeln, die ein menschliches Individuum durchläuft. Dazu gehört es, lange Zeit und einige Inkarnationen lang nichts von der menschlich-kosmischen Partnerschaft zu wissen, sondern die eigene Existenz für einen mehr oder weniger sinnlosen Zufall zu halten und sich selbst als Fragment zu erleben. Lange weiß man nichts davon, dass man innerhalb dieses kosmischen Projekts sowohl Erzähler*in als auch Erzähltes und das Leben die Erzählung ist.

Die spirituelle Evolution besteht nun darin, sich seiner Essenz immer bewusster zu werden, zu ihr hinzustreben, sie aus der Transzendenz herauszulösen und die eigene Existenz mit ihr in immer größere Übereinstimmung zu bringen. So wird aus dem Zufall Sinn und aus der Fragmentierung Ganzheit. Wir sprechen auch von Heilung. Liegt zu Beginn der Inkarnationsreise oder des Lebens noch ein fragmentiertes Bewusstsein und gänzliche Selbstentfremdung vor, die ihre Manifestation in der Existenz des Individuums findet, so gelangt der sich spirituell entwickelnde Mensch zu immer mehr Ganzheit, je klarer sie*er sich über sich selbst wird. Die innere Ganzheit wird durch eine Horizonterweiterung bei gleichzeitiger innerer Fokussierung auf die innere Wahrheit erreicht. Die derart erlangte innere Ganzheit manifestiert sich in einem äußeren Ganzsein in Form von Gesundheit und Wohlbefinden, weshalb wir von Heilung sprechen. So ist das volle Selbstverständnis die Quelle der Selbstheilungskraft.

Wenn der Ganzheit des Kosmos das Bewusstsein für die Ganzheit des Individuums entspricht, das Individuum sich also über das Wesen seiner Vollkommenheit klar geworden ist und seine Schattenaspekte, seine Schwächen und Grenzen, wie auch seine Werte, seine Ressourcen und seine spirituellen Gaben und Talente kennt, verfügt der Mensch über die eine Kraft, nämlich ein Charisma oder ein Gesegnetsein, dass sie*er als Segen für andere einsetzen kann. Dieser Segen ist nichts weiter als erfahrbar gemachtes Licht, wie es sich durch die bloße Präsenz oder durch ein Wort, eine Geste, eine Berührung oder eine Unterstützung äußert. Ein in sich konsistenter, synchroner und resilienter Mensch kann völlig unaufwändig zum Segen für andere werden und durch sein Dasein die Selbstheilungskräfte im Anderen aktivieren. Je nach Entwicklungsstand des heilenden Menschen und des zu heilenden Gegenübers wird es mehr oder weniger so wirken, als würde die heilende Präsenz die Heilung beim Anderen vornehmen. In Wahrheit kann immer nur inspirierend auf die Bewusstseinserweiterung hingezielt werden, so dass der kranke, beschädigte, sich nicht vollständig (wohl) fühlende Mensch die für ihn*sie notwendigen essentiellen Fragmente integriert. Jede Integration von bisher unbewusst und unverbunden vorliegenden Wesensanteilen führt zu mehr Ganzheit und damit Gesundheit und Wohlbefinden.

Aus ihrer eigenen erlangten Ganzheit heraus fällt es Menschen im Archetyp der*des Heiler*in leichter, den Aspekt zu erkennen und anzusprechen, der jetzt zur Integration reif ist. Dazu dient die*der Heiler*in als Spiegel, in dem die*der zu Heilende sich erkennen kann, was wiederum ihre*seine Selbstheilung bewirkt, wenn durch die Annahme der Selbsterkenntnis eine Persönlichkeitsreifung erfolgt. Aus diesem Grund haben Krankheiten und Unfälle ein Transformationspotenzial, das von Genesenden oft auch als solches benannt werden kann, zum Beispiel wenn jemand nach überstandener schwerer Krankheit sein Leben ändert und sogar den bisherigen Beruf aufgibt oder Beziehungen beendet.

Der Beitrag des Kosmos besteht innerhalb der Partnerschaft (der Bewusstheit für die individuelle Teilhabe am kosmischen Bewusstseinsstrom) darin, jedem Individuum dasjenige an die Hand zu geben, das seiner Ganzwerdung dient. Alles in der Welt wird vom Kosmos dazu verwendet. Alle Aspekte der Immanenz sind dem Menschen Spiegel seiner Innerlichkeit, und zwar seiner bewussten Gedanken und Gefühle wie auch seiner unbewussten Ströme an Emotionen, Ängsten, Glaubensmustern, Konditionierungen, aber auch Einstellungen, Gaben und Talente. Die Immanenz ist also Spiegel der menschlichen Transzendenz. Indem der Mensch den Spiegel betrachtet, reicht er in die Transzendenz hinüber, transzendiert also das, was ihm aktuell als sein Ich bewusst ist. Je mehr Transzendentes in die Immanenz geholt wird, desto vollständiger und damit gesünder wird der Mensch. Dabei beachtet die präzisere Formulierung allerdings, dass die Transzendenz bereits in der Immanenz enthalten ist und lediglich noch nicht erfahrbar gemacht wurde.

Die Spiegel aktivieren ihren Anamnese-Dialog über die Resonanz mit den Phänomenen. Die Deutung der Phänomene spielt dabei die entscheidende Rolle – und kaum die Phänomene selbst. Die Deutung weist auf das im Unbewussten Strömende hin, auf Blockaden, Schmerzen und Ängste, die die Fragmentierung und Selbstentfremdung des Bewusstseins aufrechterhalten und damit Krankheit und Unwohlsein nähren. 

Wer die tiefliegenden Narrative an Fehlverknüpfungen, Vorurteilen, Ängsten, Zweifeln, Mangel- und Unzulänglichkeitsempfindungen erfassen und dann auch transformieren kann, der verfügt über den Segen (das Charisma) der Heilkraft, der das Übel an der Wurzel zu packen vermag. In manchen Entwicklungsstadien der Seele ist eine rein energetische Transformation, zum Beispiel durch das passive Empfangen eines Handauflegens durch eine*n Heiler*in möglich, wie sich der Evidenz nach zeigt. In anderen Reifestadien aber kommt man um eine geistige Transformation (unter Bemühung des eigenen Geistes!) nicht herum. 

Heilung und Heilkraft liegen in der Bewusstwerdung darüber, dass jedes Lebewesen und jeder Planet im Universum eine Individuation des Allganzen ist und selbst ebenfalls vollständig und ganz war, bevor die Auseinandersetzung mit dem Leben ihre Schäden hinterlassen hat. Die Heilkraft steuert mit Hilfe des Allganzen den Zustand der Ganzheit wieder an und verhilft zur Rückkehr zu sich selbst. Der*die Heiler*in, der*die sich als Kanal für die Ganzheit zur Verfügung stellt und über Heilkraft verfügt, hat ihren*seinen Geist für die medizinische Medialität geöffnet. Da die wenigsten intuitiv arbeitenden Ärzt*innen ihren Patient*innen gegenüber in Trance gehen können und werden, ist anzunehmen, dass diese Art der Medialität auf der durch Reifung erlangten Synchronizität der Persönlichkeit basiert.

© Ariela Sager

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