Kapitel 4: Eigenkraft

Einführung

Ins Handeln kommen: Die Einstellungswerte verwirklichen.

Bei der Yang-Kraft geht es darum, was wir aus eigener Kraft für uns selbst tun können. Hier spielt das Sprichwort hinein, sich selbst aus eigener Kraft aus etwas zu befreien oder sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen oder auch die Redewendung, sich aus eigener Kraft etwas aufzubauen. Noch geht es nicht darum, was wir für die Welt tun können, sondern es geht um die Selbstverantwortung, den Einsatz der Eigenkräfte im eigenen Haus, bei sich selbst. Dieser Einsatz betrifft die Selbstevolution, und zwar die aktiv unternommene Selbstwerdung, die Selbstverwirklichung.

Die Eigenkräfte bilden sich in der Bewältigung des Lebens. Sie werden im Laufe der Kindheit herausgebildet, indem wir sie erproben, mit ihnen scheitern, es erneut versuchen, Erfolg haben und die Handhabung der produktiven Kräfte in uns nach und nach verstehen. Und dann setzen wir sie für uns ein und bauen sie dadurch aus. Hier kommt auch die Neuroplastizität des Gehirns ins Spiel: Das Gehirn entwickelt sich so, wie wir es verwenden. Die Handhabung der Eigenkräfte geht „in Fleisch und Blut über“ und ihr Einsatz wird dem Individuum irgendwann ganz selbstverständlich erscheinen, und zwar der Einsatz der erwachsenen Kräfte anstelle der kindlichen Kontroll- oder Kompensationsstrategien.

Sehr bewusst geschieht diese Gewöhnung an die Eigenkräfte etwa im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, mit dem Beginn der individuellen Selbstständigkeit oder dessen, was wir Autonomie nennen. Die Yang-Kraft wird später noch einmal verfeinert, wenn die Werte der Yin-Kraft sich ebenfalls ausbilden. Dann wird zwischen der Yin- und der Yang-Kraft ebenso hin und her gewechselt, wie früher zwischen dem Passiv- und dem Aktivpol, aber die Motivation des Pendelns ist eine andere. Das Pendeln ist jetzt motiviert von der Feinabstimmung zwischen den Einstellungswerten und den schöpferischen Werten, vom Abgleich also zwischen der Haltung und dem Verhalten. Wenn das Verhalten nicht der persönlichen Haltung entspricht, muss es verändert werden. Diesem Abgleich dient eine disziplinierte Selbstbeobachtung und Selbstreflexion über die Ursachen der möglicherweise beobachteten Diskrepanz. Für die Neuroplastizität ist eine schriftliche Selbstreflexion hier sehr hilfreich, bei der die gewünschte Verhaltensweise auf dem Papier durchgespielt und eingeübt wird.

Von der Abfolge der Lebensqualitäten her handelt es sich um die Qualität der Aktivität, die in den Raunächten dem Monat Juni zugeordnet wird. Es sind die uns ganz eigenen Kräfte, die uns helfen, das Leben zu vollziehen, es zu meistern und es gelingen zu lassen. 

Jedenfalls kommt es darauf an, dass wirklich etwas unternommen wird. Die Einstellung, die wir verkörpern, unsere Haltung, die wir ausstrahlen, muss erfahrbar werden. Erst dann lernt das innere Kind, dass es sich auf uns (auf unser Selbst) verlassen kann. So stärkt sich das Nervensystem und bilden sich im nächsten – automatisch erfolgenden – Schritt unsere Ressourcen aus. Wobei die erwachsene Yang-Kraft bereits auf die Ressourcen der Kindheit zugreift und mit ihnen arbeitet, auf das also, was einem als Kind geholfen hat, gut zu leben und sich zu regulieren. Der*die (junge) Erwachsene aber bildet über die Selbstverantwortung vor allem die große Ressource der Vernunft aus. Denn die andere übergeordnete Bezeichnung für diese Yang-Kraft ist die Rationalität. In ihr ist die Mentalität (also die Yin-Kraft) enthalten. Die Yin-Kraft wird von der Yang-Kraft verwirklicht, wie sie auch von ihr gesteuert wird. Das prärationale Bewusstsein, das zu irrationalen Verhaltensweisen führen kann, ist an dieser Stelle überwunden.

© Ariela Sager

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