1 – Regulation

Das Leben bietet uns eine stetige Abfolge von Ereignissen, Phänomenen, Begegnungen. Wenn wir sie richtig zu begehen wissen, werden sie uns zu Erfahrungen und Lektionen, an denen wir wachsen. Dadurch erhält das Leben Sinn. Zunächst aber macht sowohl Neues als auch scheinbar Bekanntes und sich Wiederholendes, gewöhnlicherweise Angst. Es ist immer die Angst vor Schmerz, Leid und Überforderung, die uns zurückschrecken lässt. Kaum jemand kann sich wirksam sagen: „Her mit dem Schmerz, an ihm werde ich wachsen!“ Vor dem Schmerz verschließen wir unser Herz, so gut es geht, manchmal sogar so gekonnt, dass wir gar nichts mehr fühlen und jede Regung ausgeschlossen bleibt. Dann werden auch keine Erfahrungen mehr gemacht und Ereignisse werden nicht auf ihre Lektionen hin ausgewertet. Es wären die Emotionen, die metaphorisch gesprochen das notwendige Enzym liefern, um das Ereignis in seine Einzelteile aufzuspalten, es also zu dekonstruieren, damit es verdaut werden kann. Diesen Vorgang der Verdauung nennt man in der Psychologie Regulation. Regulation ist nicht Trösten, Beruhigen oder Beschwichtigen von Gefühlen und Emotionen, sondern ein Sortieren, Einordnen und Verwerten. Eben ein Verdauen von Erfahrungen.

Bei einem kleinen Kind geschieht diese Regulation über das Nervensystem einer erwachsenen Bezugsperson, sofern diese Person Ordnung und Ruhe in sich selbst hergestellt hat (die Ressourcen Integrität, Synchronizität, Stabilität), so dass diese Person zur Co-Regulation fähig und bereit ist. Dann genügt es, ein Kind oder auch ein junges Tier (z. B. einen Welpen) zu halten, vielleicht die Hand auf den rückwärtigen Solarplexus zu legen und Ruhe zu vermitteln. Das Kind schwingt sich dann auf die Ruhe der Bezugsperson ein. Ältere Kinder und auch Tiere (z. B. Junghunde) brauchen für die Regulation zusätzlich eine Erfahrungsverarbeitung. Für sie muss jetzt der Geist beteiligt werden (weshalb das bloße Handauflegen von Geistheiler*innen zum Beispiel bei erwachsenen Menschen als problematisch zu sehen ist). Kinder müssen angeleitet und unterstützt werden, die einzelnen Bestandteile eines Ereignisses zu sortieren und zu bewerten, z. B. auf die verschiedenen Verantwortlichkeiten hin, aber auch im Hinblick auf die Bedeutungsfindung. Auf diese Weise wird eine Herausforderung gemeistert und eine Erfahrung verkraftet (d. h. in eine Eigenkraft transformiert). So kann das Individuum an ihr wachsen. Das eigene Nervensystem wird mit jeder gemeisterten Herausforderung und mit jeder integrierten Erfahrung stärker.

Ein erwachsener Mensch, der in der Regulation angeleitet wurde, indem er als Kind die Erfahrung solcher Gespräche gemacht hat, die ihm*ihr geholfen haben, eine Erfahrung zu „verdauen“ oder zu verkraften, ist zur Selbstregulation fähig. Einerseits ist sein*ihr Nervensystem stark genug, dass er*sie seine*ihre Emotionen über die Atmung regulieren kann. Er*sie reguliert sich über seine*ihre grundsätzliche innere Ordnung (Integrität, Synchronizität, Stabilität/Resilienz), wie das Kind sich über das Nervensystem und dessen Synchronizität, Stabilität und Resilienz seiner Bezugsperson reguliert hat. Die Integrität ist dadurch entstanden, dass viele Ereignisse gut verdaut und verkraftet und damit integriert wurden. Über die Selbstregulation durch die Atmung kann ein erwachsener Mensch den emotionalen Aufruhr ganz wie ein liebevolles Elternteil an sich selbst annehmen und kann sich selbst Halt geben. Ihm*ihr gelingt diese Selbstannahme, indem er*sie die Emotionen bezeugt, so wie es die Bezugsperson getan hat, indem sie die Emotionen des Kindes für den Sortiervorgang gespiegelt und damit benannt hatte (z. B. mit der Selbstwahrnehmung und Formulierung: „Ich fühle mich wütend“). Am leichtesten geschieht dieses Annehmen innerhalb der Selbstregulation schriftlich oder auch künstlerisch-gestalterisch. Das gilt auch für das Sortieren der weiteren Komponenten, zu denen für die erwachsene Selbstregulation auch die angerührte (getriggerte) Kindheitserinnerung gehört, die vielleicht bisher noch nicht integriert wurde. Ein ungefähres Schema an Fragen, die man sich selbst stellen könnte, leistet bei der Selbstregulation und damit bei der Auswertung der Lektionen gute Dienste. Die Fragen könnten lauten: 

Worum geht es und was ist passiert? (Diese Frage stellt jeder erwachsene Mensch einem Kind, das weinend angelaufen kommt.) 

Welche Bedeutung hat das Phänomen: Was fühle und assoziiere ich und wo im Körper sitzt der Schmerz? (Diese Spiegelfunktion übernimmt die*der Erwachsene für das Kind, indem sie*er dem Kind hilft, seine Gefühle zu benennen.) 

Welches Ziel habe ich der Sache gegenüber: Wie würde ich mich gerne fühlen und verhalten? 

Was brauche ich dazu? (Hier fragt ein*e Erwachsene*r sich selbst oder das Kind: Wie kann ich dir helfen?)

Was hindert mich bisher, mich so zu fühlen und zu verhalten? 

Auf welche Ressourcen kann ich zugreifen? 

Was habe ich gelernt: Inwiefern hat mich das Ereignis weitergebracht und wachsen lassen?

Noch wirkungsvoller verläuft die Selbstregulation (sowohl schriftlich als auch mündlich) dennoch im Dialog mit einem anderen Menschen, wobei es sich dabei nicht erneut um eine Co-Regulation handelt, wenn der sich selbst regulierende Mensch den schriftlichen Dialog bzw. das Gespräch lösungsorientiert und konstruktiv führt. Dann ist es eine Selbstregulation, die von einem anderen Menschen unterstützt und begleitet wird, z. B. durch tiefer führende Fragen. 

Die Yang-Kraft des ersten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks könnte auch mit der Eigenschaft Mut bezeichnet werden. Der Mut, sich wirklich auf sein Leben einzulassen, wird allerdings erst dadurch möglich, dass man fähig ist, die angebotenen Lektionen auch wahrnehmen, annehmen und schließlich auswerten zu können. Ohne diese Kompetenz gerät ein Hineinspringen in sich bietende Risiken zum tollkühnen Augen-zu-und-durch (der Aktivpol). Mit geschlossenen Augen wird aber nichts wahrgenommen, nichts gelernt, nichts gestärkt. Deshalb bezeichne ich diese Yang-Kraft, die zum Lernenwollen und Lernenkönnen notwendig ist, lieber mit dem Begriff der (Selbst-)Regulation. Denn das ist es, was wir stets zu unternehmen haben, wenn das Leben uns seine Lektionen vorsetzt, wie es auch das ist, was wir aus eigener Kraft für uns selbst tun können, wenn die Dinge schwierig werden. Mit der (Selbst-)Regulation kann man die Angst überwinden und den Mut aufbringen, der neuen Begebenheit mutig und aus der Liebe heraus zu begegnen. Dabei sind Mut und Liebe austauschbar. Die Liebe weiß, dass alles, was ist, zum Leben gehört und der Mut sagt das Gleiche, lässt uns aber zusätzlich die praktische Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen und lässt uns auf das Leben zugehen. Wir nehmen einen tiefen Atemzug und nehmen die Herausforderung an. Das ist die Yang-Kraft des ersten Dreiecks. Sie packt die meisten Gelegenheiten beim Schopf, um die Eigenkraft anwachsen zu lassen.

© Ariela Sager

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