7 – Offenbarung

Die Yin-Kraft, die mit dem Offenbarwerden von Antworten und Lösungen und von Selbsterkenntnis zusammenfällt, ist die innere Freiheit. Einerseits von nichts mehr blockiert zu sein, nicht von Ängsten und von Vorurteilen oder auch von Erwartungen und dem damit verbundenen Warten, und andererseits von einer möglichen Offenbarung nicht abhängig zu sein, nicht von ihrem Zeitpunkt und nicht von ihrem Inhalt oder ihrer Form, macht die Offenbarung möglich. Man ist jetzt offen für das, was sich zeigen will. Und das, was sich zeigen will, steigt aus dem Urgrund unseres seelischen Bewusstseinsstroms empor – und offenbart sich. Vielleicht vernehmen wir diese Offenbarung als Geistesblitz oder als inneren Dialog oder als ein neues Gewahrsein uns selbst gegenüber oder gegenüber einem Stück Welt, gegenüber einer anderen Person oder gegenüber eine Beziehung oder einem Tätigkeitsfeld oder sie fließt durch unser absichtsloses Tun hindurch, so dass wir uns selbst in ihm erkennen. 

Die Grundvoraussetzung dazu ist jedenfalls das innere Ungebundensein, die Freiheit. Mit diesem Zustand einher geht die Geduld. Ungeduldiges Warten und Sehnen nämlich verhindern unsere Offenbarungserfahrungen. Nicht, weil sie vom kosmischen Bewusstseinsstrom nicht bereitgestellt würden, werden sie verhindert, sondern weil die Frequenz des Egos, aus dem die Ungeduld erwächst, auf der Basis von Angst zu niedrig schwingt, als dass mit den bereitgestellten Informationen Resonanz hergestellt werden könnte. Das Ego schwingt nicht synchron mit dem seelischen und dem kosmischen Bewusstseinsstrom. Das tut nur das (höhere) Selbst. Dazu muss man sich vom Ego befreit haben, wobei diese Befreiung nicht ein Akt des Loswerdens ist, sondern ein Akt der Integration (5. Dreieck) und der Transformation (6. Dreieck). Transformiert wird das alleingelassene innere Kind in ein behütetes inneres Kind.

Im Zustand innerer Freiheit dann, der Freiheit von den meisten Schatten und der Freiheit, wirklich Mensch und wirklich man selbst zu sein, leben wir die Idee, in einer Partnerschaft mit dem Kosmos zu sein. In diesem Lebensgefühl (die Yin-Kraft schlechthin) liegt keine kindliche Unterordnung mehr vor und auch nicht das Bedürfnis, vom Kosmos versorgt zu werden. Dieses Lebensgefühl speist sich vielmehr aus der Idee von Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung. Ihre Grundlage ist das Bild der einander überschneidenden Teile: Die Seele des Menschen stellt, dieser Vorstellung nach, einen Teilaspekt des universellen Bewusstseinsstroms dar. Somit stellt die Seele einen kleinen Teilaspekt des Absoluten dar und stimmt darin mit dem kosmischen Bewusstseinsstrom überein. Aus der Manifestationsidee ergibt sich gleichzeitig eine Gestaltungsfreiheit, die je nach Individuum als Glück oder als Bürde empfunden wird. 

So wie der kosmische Bewusstseinsstrom sich in all den wahrnehmbaren Phänomenen des Lebens manifestiert, manifestiert sich auch unser menschlicher, uns aber unbewusster Bewusstseinsstrom. Menschen- und lebensfreundliche Manifestationen ergeben sich aus dem Bewusstseinsstrom, der über unsere Einstellungswerte vom kosmischen Bewusstseinsstrom zeugt. Destruktive, menschen- und lebensfeindliche Manifestationen ergeben sich aus dem unbewussten Teil, der den Werten abgewandt liegt, und entspringen stattdessen dem Ego: der Angst, dem Schmerz, der Verzweiflung, aber auch der Einfallslosigkeit. Wir sprechen von Armseligkeit und meinen eine innere Armut an Bewusstsein dem Narrativ gegenüber, dass der Mensch eine Individuation des kosmischen (göttlichen) Bewusstseinsstroms sei. Jeder Mensch. Wer diesem Narrativ mit Zynismus begegnet, ist innerlich unfrei und unaufrichtig zugleich. Er*sie versagt sich und anderen das innere Licht. Offenbarungen aber haben immer mit Ehrlichkeit zu tun. Ein Mensch, der sich einem anderen Menschen offenbart, ist in diesem Moment absolut ehrlich und aufrichtig. Die gleiche Aufrichtigkeit in der Haltung braucht es, damit man die Offenbarungen des Kosmos innerlich vernehmen kann, ohne sie verstellen, verbrämen oder verhehlen zu müssen. Unaufrichtigkeit, die die Offenbarungen über sich selbst oder über einen anderen Menschen entstellt, folgt oft der Feigheit, sein Tun und Nicht-Tun nicht den geoffenbarten Inhalten gemäß gestalten zu wollen.

Jemand, der für Offenbarungen offen ist und sie auch erfährt, gestaltet sein Leben lichtvoller und schöner, seine Beziehungen sind respektvoller und sie*er verhält sich sich selbst und anderen gegenüber achtsamer. Ein solcher Mensch achtet und wahrt die Freiheit anderer und befördert sie sogar. Dafür gesorgt zu haben, dass der Geist frei ist für die Offenbarungen des Lebens, macht dem Individuum das Leben und die echte, die gestaltende Teilhabe an der kosmischen Weisheit und Liebe zum Geschenk. An dieser Stelle lässt sich bereits von Selbstliebe sprechen. Die innere Freiheit ist mit dem hohen Wert der Selbstliebe identisch. Sie entspricht dem am höchsten schwingenden Einstellungswert. Von hier fließt die Gestaltungskraft, den empfangenen Offenbarungen gemäß, über die Schöpferkraft in die Welt.

© Ariela Sager

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