6 – Transformation

Es kommt eine Zeit, da geraten die Dinge in Bewegung. In dem Moment der Entwicklung, von dem hier die Rede ist, sind sie bereits in Bewegung geraten. Man hat bereits damit begonnen, seine Einstellungen zu hinterfragen und seine Narrative zu überprüfen. Der Menschheit abhandengekommene Werte, allen voran die Empathie, wurden wiederentdeckt und in manch einem Individuum vielleicht sogar zum ersten Mal aktiviert. Jetzt steht die neue und noch ungewohnte Einstellung in einem anfänglichen (bi-polaren) Spannungsverhältnis mit den gewohnten Mustern, die sich aus dem bisherigen dualistischen Denken ergeben, dem bisherigen Glauben und seinen Erzählungen. Man gehört nicht mehr unumwunden der Gewohnheit des dualistischen Denkens an, hat sich in seinem Selbst und einem polaren Bewusstsein aber auch noch nicht ganz eingerichtet. Das heißt, man ist noch nicht in sich selbst und in seinen Humanressourcen völlig sicher zuhause, hat aber die gewohnte innere Welt schon verlassen. Man pendelt zwischen den Welten, zwischen einem gefühlten neuen „Oben“ und dem alten „Unten“. Man fällt auch noch leicht in das alte “Unten” zurück, in die alten Muster, dann nämlich, wenn es stressig wird und schnell gehen muss oder wenn das Nervensystem sehr gefordert wird. Aber man hat das neue “Oben” bereits erobert und man ist unterwegs zurück zu sich selbst.

Das hier ist die Yin-Kraft des sechsten Dreiecks, die Transformationskraft, die von der Intuition und der Inspiration aktiviert wird. Ein höheres Gewahrsein hat das Individuum zu irgendeinem Zeitpunkt seines Individuationsprozesses – und meistens geschieht dies im Alter zwischen 35 und 42 Jahren – intuitiv bemerken lassen, dass der Mensch mehr ist als sein Ego und mehr als seine Konditionierungen. Er besitzt ein Selbst, das sich statt aus Angst und Gier aus Einstellungswerten (Yin) und Handlungswerten (Yang) zusammensetzt. 

Das menschliche Gehirn ist zwar auf die Aktivierung dieses individuellen Selbst ausgelegt, aber die Aktivierung erfolgt nicht automatisch und nicht ohne menschliches Zutun. Idealerweise erfolgt sie bereits von der Kindheit an durch das menschliche Zutun erwachsener Vorbilder. Oder sie erfolgt selbstverantwortlich im mittleren Alter durch eine selbstständig nachgeholte humanistische Bildung (das, was wir Herzensbildung nennen). Ab diesem Moment, ab dem die humanistische Bildung aktiv nachgeholt wird, beginnt die Transformation des bisher unreifen Menschen (des Homo sapiens sapiens, der es eigentlich besser wissen müsste) zum humanen Menschen (dem Homo humanus) – und von hier aus auch weiter zum universalverbundenen Menschen (dem Homo deus).

Die Transformation ist ein Gewahrwerdungsprozess. Der Beobachtung nach wird er vor allem von hochsensiblen Menschen mit einem hohen Gewahrseinsgrad unternommen. Hochsensible Menschen weisen eine hohe Transzendenzfähigkeit auf, die Fähigkeit, ihr Ego zu transzendieren und sogar in der Transzendenz ihres Selbst höhere Einsichten zu erlangen, zum Beispiel über eine mentale Kanalisierung von intuitiv empfangenen Weisheiten. Unter angstfreien und mit sich selbst verbundenen HSP ist Letzteres eine Evidenz.

Von der menschlichen Wirksamkeit her ist der Prozess der Transformation vergleichbar mit dem Verpuppungsprozess der Raupe, die ihren natürlichen Wandlungsprozess zum Schmetterling begeht. Die Wirkung des Menschen ist an dieser Stelle der Entwicklung aber noch ambivalent. Noch funktioniert die Umsetzung des Neuen nicht stabil und nicht zuverlässig. Wenn das Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät (egal auf welche Art es stark gefordert wird), sinkt die Frequenz ab, das Ego übernimmt wieder das Ruder, weil dieses gewohnte Denksystem schneller im Zugriff steht. Auf diese konditionierte Weise hat man immer schon gedacht, darin fühlt man sich vermeintlich sicher. Das neue Denken braucht in dieser Entwicklungsphase noch länger, bis es stabil zur Verfügung steht. Es muss geübt werden. Auch das Lauschen gegenüber der Intuition muss eingeübt werden. Bis diese Art, dem höheren Selbst zuzuhören, in feste und sichere Bahnen gelenkt wurde, kippt das Individuum auch gerne mal zurück in alte Illusionsbildungen und Fantasien, aber auch in Selbstzweifel und Zweifel an der Welt. Da spricht jemand leidenschaftlich von gewaltfreier Kommunikation und attackiert alle, die sich nicht gewaltfrei auszudrücken vermögen. Solche Widersprüche sind in der Transformationsphase auszuhalten.

Dieser Ambivalenz gegenüber – oder auch der Tatsache gegenüber, dass sich die meisten Individuen bisher noch nicht auf den Weg zu sich selbst gemacht haben und sich bisher jeder Selbstbewusstwerdung verweigern – bedarf es der Einstellung der Toleranz. Sie gehört ebenfalls zur Yin-Kraft des sechsten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks. Alles ist in Entwicklung begriffen. Immer. Alles kommt aus der Unreife und dem Entferntsein von sich selbst und entwickelt sich im Laufe seines Lebens der Entelechie gemäß zu dem, was seine Veranlagung und innere Wahrheit ihm, je nach Perspektive, auferlegt oder verheißt. Die unreifen Stadien stehen dabei zwangsläufig neben den reiferen Stadien, und die Toleranz inkludiert diese verschiedenen Stadien in den verschiedenen Bezugsräumen (Familie, Gesellschaft, Institutionen). Inklusion heißt, dass alle Individualitäten nebeneinander existierend ihre volle Gültigkeit besitzen, die nicht geleugnet oder abgesprochen wird. Von niemandem. Es muss nicht jeder mit jedem einen persönlichen Umgang pflegen, denn der persönliche Umgang unterliegt Resonanzphänomenen, die Teil der persönlichen Entwicklung sind, aber jeder muss dem anderen seinen Raum zur persönlichen Entfaltung gewähren und diesen Raum auch schützen wie den eigenen Raum. Die Transformation als Raum der Emanzipation von den Urängsten hin zum Urvertrauen und in das persönliche Urbild (zurück), in die Urweiblichlichkeit und in die Urmännlichkeit hinein, ist dabei besonders schützenswert.

Diese zumeist hochsensiblen Individuen, die den transformatorischen Schritt wagen (man spricht hier auch von spirituellem Erwachen), bringen die Welt entscheidend voran, indem sie Beziehungen eingehen und in diesen Beziehungen als Vorbilder fungieren. Die individuelle Transformation bewirkt die dringend notwendige Transformation der Welt – und nichts anderes wird es letztlich bewirken, die Welt vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren.

So verwirrend und anstrengend dieser Transformationsprozess von gut sieben Jahren auch ist, so freudvoll ist er zugleich mit der Entdeckung des wahren Selbst und des menschlichen Potenzials in einer Gesellschaft. Und tatsächlich ist die Welt nur über die Freude am Tun und Lassen, nicht aber über Schuldgefühle zu retten. Auch das muss die Einstellung der Toleranz beachten. 

Zur Toleranz gehört es dann auch – wobei das der zugehörige Yang-Wert ist – die Transformation der mutigen Individuen zu unterstützen, indem man ihnen beisteht, ihre Haltung und ihre Narrative zu prüfen und zu transformieren, und den Weg durch dieses Niemandsland hindurch zu finden, in dem die Brücken wackelig sind und oft im Nirgendwo und in den Wolken und an den Luftschlössern enden, bevor sie stabilisiert und zu Ende gebaut werden und ein echtes Ziel erhalten, also bevor sie tragfähig geworden sein werden.

© Ariela Sager

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