4 – Dienen

Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen zu sagen, wie sie ihr Leben zu führen haben, was sie verändern müssen (um glücklich zu werden) oder wie sie sich selbst zum Ausdruck bringen können, selbst wenn wir ihnen ihre volle Selbstverwirklichung von Herzen wünschen und womöglich auch ihr Entwicklungspotenzial erkennen. Schon gar nicht können oder sollen oder dürfen wir auch nur anderen ihre Entwicklungsaufgaben abnehmen. Wir dürfen, können und sollen sogar ihnen nur dienlich sein und sie in ihrer Entwicklung unterstützen, in dem Maße, wie es uns möglich ist. 

Diese Yang-Kraft, der schöpferische Wert der Fürsorge und der Loyalität benötigt als Grundlage die Yin-Kraft der Empathie und ist nicht nur deren Konsequenz. Jemand, der sich einem anderen Menschen oder einem Tier hilfreich nähern will, muss zunächst erfasst haben, worum es dem anderen Lebewesen genau geht, was es erreichen will, worin seine Herausforderungen bestehen und welche Art von Unterstützung es als hilfreich empfinden wird und annehmen kann – oder wo es auch einfach allein durchgehen will oder muss. Würde man es unterlassen, seine Spiegelneuronen dazu zu verwenden, empathisch zu mentalisieren, was den anderen bewegt, liefe man Gefahr, bloß zu projizieren, was man sich selbst wünscht, und würde auf dieser Basis an den Bedürfnissen des Anderen vorbei agieren. Auf diese mangelhafte Art (es mangelt am Mitschwingen und Mitfühlen) würde man nicht hilfreich sein können und der persönliche Einsatz würde niemandem dienen – außer dem eigenen Ego. Scheinbar erntet man auf sein Engagement nur Undankbarkeit. In Wahrheit war aber der geleistete Beitrag völlig unpassend und hat verständlicherweise keine Gefühle der Dankbarkeit ausgelöst.

Ein aus dem Einfühlungsvermögen erfasstes Potenzial, einen anderen Menschen zu unterstützen, sofern die Unterstützung zu leisten innerhalb der persönlichen Kapazität liegt, löst umgekehrt einen Akt der Loyalität und der Fürsorge aus. Dann nämlich platziert man ein Angebot, etwas für einen anderen Menschen zu tun, ihn in einer Sache zu unterstützen, in der er*sie nicht weiterkommt oder die ihm*ihr schwerfällt. Es kann sein, dass man dazu miteinander kooperiert und zum Beispiel eine Arbeit miteinander teilt, in der jede*r das leistet, was sie*er gut kann, während man sich zugleich gegenseitig berät und die jeweiligen Schwächen des Einen zur Sinnanfrage an die Stärken des Anderen werden. Auf eine zur Situation und zur Person passende Art Trost und Wärme zu spenden, wäre ebenfalls eine Möglichkeit, seine Loyalität zu zeigen und jemandem beizustehen. Sich jemandem gegenüber loyal zu zeigen und zu ihm zu stehen, auch wenn es den äußeren Umständen nach schwerfällt und es stattdessen leichter fiele, die Beziehung hinzuschmeißen und sich abzuwenden, gehört ebenfalls zu dieser Qualität der Eigenkraft. Die warmherzige Umarmung, die einem anderen Menschen Halt geben kann, der warme Schal, der tröstend um eine Schulter gelegt wird, der Händedruck, der etwas anderes als nur als Geste der Konvention und der Höflichkeit daherkommt, sind Ausdruck der Yang-Kraft des vierten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks.

Es ist die Freundlichkeit, mit der Menschen einander und der Welt dienen. Und zwar dient die Freundlichkeit dazu, das Beste im Anderen hervorzubringen. In einer freundlichen Atmosphäre kann ein Lebewesen am besten gedeihen – sofern es gedeihen will und sich um sein Gedeihen bemüht, was jedes Kind und jedes Tier und jede Pflanze natürlicherweise tut. An dieser Stelle zu dienen fällt darum auch leicht. Bei erwachsenen Menschen, die ihr Gedeihenwollen vergessen haben und sich auf einem regressiven Weg eingerichtet haben, aus dem heraus sie vor allem Schmerz für sich und andere erzeugen, fällt einem die Freundlichkeit manchmal schwer. Hier dient man mit einer Distanznahme und einem Abschied besser. Auch das kann ein Akt der Loyalität sein, ein Akt nämlich, der die Co-Abhängigkeit vermeidet oder beendet. Und es ist letztendlich auch ein Akt der Loyalität zu sich selbst und den Werten, die man verkörpert. Aus der Yang-Kraft heraus wird ein solcher Abschied freundlich vorgenommen und als Chance für den nächsten Entwicklungsschritt begriffen und vermittelt. Es handelt sich um einen Abschied, der nicht für immer sein muss, aber für jetzt wird er als notwendig erkannt und verwirklicht. Die Yang-Kraft bringt wiederum die entsprechende Selbstfürsorge dazu auf, mit der der Verlust angemessen betrauert und dann auch verkraftet werden kann.

© Ariela Sager

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