3 – Abgrenzung

Die Wertschätzung und den Respekt für sich selbst und andere zu verwirklichen, braucht zwei wichtige Handlungsqualitäten: die Konsequenz und die Abgrenzung. Die Abgrenzung ist dabei bereits die Konsequenz, die gezogen werden muss, sobald man seine eigene Identität und seinen Wert als Mensch erkannt und gefestigt hat, was im ersten Schritt über die Selbstbestimmung seiner persönlichen Werte geschieht (Yin-Kraft). Auf dem Weg zu dieser Identität erfahren wir über das Gefühl, was wir alles nicht sind, nach und nach, wer wir stattdessen sind. Wenn wir dann wissen, wer wir sind, fällt es uns umso leichter, zu identifizieren, was uns gemäß ist und was nicht, und was zu uns passt und was nicht, wenn es als Forderung oder Erwartung an uns herangetragen wird. Konsequenterweise sollten wir dasjenige auch von uns weisen, was nicht passt und nur zu dem Ja sagen, was unseren Neigungen entspricht. Unsere Zeit und unsere Energie sind schließlich begrenzt. 

Ja, die Welt ist hochkomplex und hält unendlich viele Wissensgebiete und Aufgaben bereit. In unendlich vielen Systemen und ihren Mechanismen könnte man sich auskennen wollen – oder wird die Forderung an das Individuum herangetragen, sich auskennen zu sollen. Die Vernunft muss einem sagen, dass das unmöglich geht. Es müssen Prioritäten gesetzt werden, in die man dann seine volle Kraft einbringen kann, um hier zumindest gut unterrichtet, am besten sogar Spezialist*in zu sein und etwas zu bewegen. Die Priorität setzt aber niemand anderes als das Individuum, und es setzt sie am besten entsprechend seinen Neigungen. Die Neigungen haben mit der individuell gefühlten Bestimmung zu tun und weisen auf sie hin. Jeder Mensch muss sich für etwas interessieren, wenn er*sie sein*ihr Leben nicht verschwenden will, und er*sie wird sich entsprechend engagieren. Aber kein Mensch muss sich für alles interessieren und schon gar nicht für das, was andere ihm*ihr als so dringend und unerlässlich zu suggerieren oder sogar vorzuschreiben versuchen, nur weil es sie selbst interessiert. Und ganz sicher sollte sich niemand vor jemandes Karren spannen lassen, der seine Bedürfnisse zum Interesse eines anderen machen will. Wir dürfen nein, danke sagen und müssen das sogar lernen. Das Nein ist eine mögliche Antwort auf Anfragen aus dem Leben, in denen wir keine Sinnanfrage an uns erkennen, also keine Gelegenheit, die wir mit unserem Selbst (unseren Werten, unserer Schöpferkraft) in Sinn verwandeln könnten oder wollten. Wenn die Anfrage lediglich das Ego anspricht, liegt der Sinn in der Überprüfung der Fähigkeit, sich abzugrenzen – oder die egoistische Einladung in eine Einladung von Wert zu verwandeln, aber das wäre eine neue Anfrage, die dann an den anderen ergeht.

Nein zu sagen ist die Yang-Kraft des dritten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks, mit der wir das, was wir sind, von dem abgrenzen, was wir nicht sind. Wenn wir dann nein gesagt haben, hilft die Konsequenz, es auch durchzusetzen. Ließen wir uns unser Nein abkaufen, würden wir uns selbst verkaufen. Das innere Kind würde in dem Moment sein Gefühl von Sicherheit verlieren. Es würde seinen Halt verlieren, an dem es merken würde, dass es wertvoll ist, denn sein Wert würde in dem Moment verschleudert werden.

Konsequenz sichert aber auch im Positiven den Respekt und die Wertschätzung ab. Indem wir eine Leistung würdigen (die eigene oder die Leistung eines anderen), grenzen wir sie positiv von anderem Tun ab und offenbaren ihren Wert, machen ihn auch für andere sichtbar und verhelfen so einem Werk zum Erfolg. In dieser Würdigung wird die Auffassung unterstützt, dass jedes Individuum einen einzigartigen Zweck hat. Die Würdigung spiegelt diesen Zweck und auch die Einzigartigkeit. Die Hilfsbereitschaft könnte ein Teil dieser positiven Konsequenz sein. Die Behauptung leuchtet leicht ein, wenn man sich überlegt, dass man als Gast der*dem Gastgeber*in gegenüber nicht nur seine Wertschätzung für einen gelungenen Abend ausspricht, sondern ihr*ihm auch konsequenterweise zur Hand geht oder seinen eigenen Beitrag zum Gelingen leistet, statt sich nur bedienen zu lassen.

Hier in der Konsequenz wird auch überprüft, ob das eigene Handeln mit den Werten übereinstimmt, die man für sich definiert hat und die man verkörpert. Eine disziplinierte Führungsstärke sich selbst gegenüber führt ein Handeln und Sprechen herbei, das dem entspricht, was man als seinen Wert ausgemacht hat. Und diese Disziplin lässt alles weg, was diesem Wertvollsein nicht entspricht und was einem nicht guttut, vor allem den Ausdruck betreffend, der von einem selbst ausgeht. Jedes abwertende Denken und Sprechen wird hier überprüft und korrigiert, indem man sich von ihm abgrenzt. Man sagt sich: Dieser Gedanke bin nicht ich, er entspricht mir nicht, und tauscht ihn gegen einen passenden Gedanken aus. Denn alles kann so oder auch anders erzählt werden. Falls das Verhalten, das unsere Würde verletzen würde, von Anderen kommt, wird ihm die Tür gewiesen. Der innere Ritter (kein Gendern, da die Energie des dritten Dreiecks männlich ist) verteidigt die*den inneren König*in (Gendern, da die Energie des siebten Dreiecks männlich und weiblich ist). Der innere Ritter ist der Archetypus, der die Yang-Kraft des dritten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks repräsentiert. Er beschützt und verteidigt das innere Kind in seinem Wertempfinden. Er sichert den Selbstwert des Individuums auf erwachsene Art ab.

© Ariela Sager

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