2 – Intimität

Beziehungen, die als Spiegel fungieren und die den Individuen helfen, ihre Persönlichkeitsstruktur zu erkennen, sind intime Beziehungen. Oder genauer gesagt: Die intime Beziehung – die*der Intimfeind*in sowie die*der Intimpartner*in – sind Beziehungen, die die Selbsterkenntnis befördern. Über den Spiegel, den die Umwelt darstellt, mit der wir in Resonanz stehen, werden uns Aspekte unseres Egos und unseres Selbst bewusst. Falls wir uns der Unterscheidung von Phänomen und Resonanz zu stellen bereit sind, verwirklicht die Yang-Kraft des Unterscheidungsvermögens das Potenzial der Selbstevolution. Man verbindet sich mit jemand anderem, lässt Intimität zu, offenbart sich selbst, begleitet die Offenbarung der*des Anderen und blickt auf diese Art in sich selbst hinein, indem man in den Anderen wie in einen Spiegel blickt. Man erkennt über die Resonanz, was nach Transformation und Heilung verlangt und kümmert sich darum. Bei sich selbst, nicht beim Anderen. In der Intimität findet das Fragenstellen aus einem anderen Grund statt als dem bloßen Wissenwollen und der kindlichen Neugier. Diese Art zu fragen steht im Dienst der Heilung über den Weg des Bezeugens und des Verstehens. Auch Krankheitssymptomen kann auf diese ganzheitliche und damit intimere Art zugehört werden, als ihnen nur mit Symptom unterdrückenden Medikamenten zu Leibe zu rücken. Stattdessen macht man sich mit ihnen vertraut, rückt nahe an sie heran, befragt sie und interessiert sich ernsthaft und aufrichtig für ihr Wesen – und damit für sich selbst. Man blickt also tief in sich selbst hinein, wenn man sich mit seinen Leiden auf die richtige Art beschäftigt (befragend, nicht bejammernd). 

Das Konzept der Intimität geht also durchaus über eine romantische oder erotische Beziehung hinaus. Eigentlich ist sogar die gesamte Umwelt gemeint, mit der man in Resonanz steht, und vertraut wird man in dieser Intimität des Mitschwingens mit sich selbst. Die Intimität führt zur Ressource des Selbstbewusstseins. Die Yang-Kraft, die dorthin führt, ist die Selbstbewusstwerdung. Sie ist aber eine aktive, eine sich selbst befragende Kraft, also eher eine Selbstbewusstmachung. Entsprechend dieser Selbstbewusstwerdung/-machung weiß man mit seiner Urteilskraft nun auch angemessen auf die Wirklichkeit zu reagieren, bei der man jetzt zwischen Phänomen und Resonanz unterscheiden kann. Man hört auf, Spiegel zu zerschlagen oder sie putzen zu wollen, wenn einen stört, was sie zeigen. Man versucht nicht mehr, die Straße über den Spiegel zu befahren, sondern schaut direkt aus dem Fenster auf die Straße und wird sich so seiner Stärken und Schwächen als Fahrer*in viel besser bewusst. So entsteht ein wirklichkeitsadäquates Verhalten.

© Ariela Sager

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