Kapitel 3: Haltung

Einführung

Selbstbestimmung: Die eigenen Werte definieren.

Die persönliche Haltung betrifft unsere ethischen Werte, für die wir stehen (Yin-Kraft) und einstehen (Yang-Kraft). Idealerweise bekommen wir einen Teil unserer Werte bereits in der Kindheit vermittelt. Die Überprüfung und die Selbstbestimmung gegenüber dem eigenen Wertekanon findet aber etwa im Alter zwischen 21 und 28 Jahren statt. Häufig gründet man in dieser Zeit des Lebens eine Familien und/oder man startet in den Beruf. In beiden Kontexten wird der persönliche Wertekanon auf die Probe gestellt, so dass es zur Reflexion und wenn nötig zur Korrektur und zur Erweiterung, vielleicht auch zur gänzlichen Transformation kommen kann. 

Zuerst bestimmen wir diese Werte, indem wir uns für sie entscheiden. Dann verkörpern wir sie durch unsere Einstellung und eben durch unsere Haltung, die geistiger und entsprechend auch physischer Natur ist. Wenn ein psychisch aufrechter Mensch mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern durchs Leben geht, läuft wörtlich und bildlich gesprochen etwas schief, dem man sich mit (Selbst-)Empathie widmen sollte. Typisch ist hier die Vorstellung, sich “nie so verhalten zu wollen, wie die eigenen Eltern es getan haben” und dazu auch eine wertebasierte Gegenvorstellung hat, sich aber dabei ertappt, dass man das, was man selbst erfahren hat, in schwachen Momenten exakt wiederholt und es eben doch so macht, wie man es kennt, selbst wenn es sich um eine destruktives Verhalten handelt.

Im nächsten Schritt müssen also die verkörperten Werte dann auch verwirklicht werden: an den Kindern, im Beruf, an der Umwelt. Jetzt wird das Verhalten auf die Haltung hin ebenfalls überprüft und möglicherweise korrigiert und erweitert. Wir sprechen darum jeweils von einem Wertepaar an Einstellungswert und Handlungswert. Die Einstellungswerte entsprechen in ihrer Gesamtheit der Yin-Kraft (der weiblichen Energie) in jedem Menschen. Die Handlungswerte entsprechen in ihrer Gesamtheit der Yang-Kraft (der männlichen Energie) in jedem Menschen. 

Der Wert der Haltung oder der Yin-Kraft liegt darin, dass sie das Handeln neu aufstellt und neu gewichtet. Das Verhalten wird aus den basalen Motivationen der Grundbedürfnissicherung und der sie antreibenden Urängste herausgehoben und stattdessen von humanistischen Werten inspiriert. In der nun veränderten Handlungsweise ist der neue Geist, vielleicht sogar ein neuer Zeitgeist spürbar. Wo bisher zum Beispiel eine manipulative und besitzergreifende Bevormundung von der Verlustangst und dem Gefühl der Einsamkeit motiviert war, ist die gleiche Aktivität, wenn sie vom Wert der Empathie inspiriert ist, als echte Fürsorge, menschliche Wärme und Wohltat erfahrbar. Wo eine Haltung vorliegt, die auf humanistischen Werten basiert, muss niemand um seine Grenzen fürchten, nicht die Mitmenschen, nicht die Tiere und nicht die Natur. Die Haltung auf Basis echter Werte sorgt für Präsenz den Bedürfnissen der Welt gegenüber, für Respekt, für Empathie und Güte, wie auch für die Achtsamkeit, mit der die Freiheit zum Selbstsein eines jeden Lebewesens gewahrt wird. Würden wir Kinder darin schulen, systematisch eine eigene Haltung zu entwickeln und es nicht dem Zufall überlassen, welche Werte sie sich möglicherweise aus eigener Anschauung zusammenklauben, wäre die Erde so gut wie gerettet.

Für eine systematische Erschließung des eigenen Wertekanons spricht, dass die Werte, mit denen jemand stärker in Resonanz steht und sich darum geneigt fühlt, konsequenter für diese als für andere Werte einzutreten, von unserer inneren Wahrheit abhängen. Ihr Kern ist unsere kosmische Abstammung. Jeder Mensch ist eine Individuation der kosmischen Werte, zu denen die Liebe zählt (die von der Empathie verkörpert wird), aber auch die Weisheit (die von der Ermutigung und der Anerkennung verkörpert wird), die Ganzheit (die von der Präsenz und der Aufmerksamkeit verkörpert wird), die Nachhaltigkeit oder die Ewigkeit (die vom Respekt und von der Wertschätzung verkörpert wird) und der Fortschritt (der von der Güte verkörpert wird (und nicht von der Gier nach materiellem Wachstum)). Verwirklicht werden diese kosmischen Werte dann jeweils von den Yang-Kräften Fürsorge/Loyalität (die Liebe), Lernen und Wachsen (Weisheit), Angemessenheit und Umsicht (Ganzheit), Würdigung und Abgrenzung (Nachhaltigkeit) und authentischer Ausdruck und Großzügigkeit (Fortschritt).

Auch wenn wir von der menschlichen Ganzheitlichkeit ausgehen und davon, dass wir alle kosmischen Werte in Form von menschlichen Qualitäten zu bestimmten Anteilen in uns tragen, fühlen die meisten Menschen doch eine Fokussierung auf einen oder zwei kosmische Werte, von denen sie ihre Charakterbildung ableiten. (Manche argumentieren hier auch mit dem astrologischen Modell der Sternzeichen, das in seinen Beschreibungen menschlicher Reifung ebenfalls von den humanistischen Werten spricht.) 

Zum Beispiel: Manche fühlen das Bedürfnis nach einem respektvollen Miteinander stärker in sich ausgeprägt als vielleicht das Bedürfnis nach einem empathischen Austausch. Dieses Gefühl wird von der Sozialisierung beeinflusst, insbesondere von Mangelerfahrungen in der Kindheit. Nach dem, was man ermangelt hat, sehnt man sich stärker. Es hat seine eigentliche Quelle aber in der veranlagten inneren Wahrheit, die bereits darüber entscheidet, was man überhaupt als Mangel empfindet. Jemand, der fühlt, dass die Liebe der in ihm vorherrschende Geist ist, wird Empathie schmerzlicher vermissen als Respekt, selbst wenn im Umgang mit seiner Person beides fehlen sollte. Für jemanden, der die Nachhaltigkeit als vorherrschenden Geist in sich fühlt, könnte sich die Bewertung des zweifachen Mangels in umgekehrter Reihenfolge darstellen. Darum sind Werte am besten keine Sache, die sich zufällig aus dem ergibt, was die Welt einem anbietet. Der Wertekanon unterliegt am besten der Selbstbestimmung eines Menschen. Jeder Mensch muss für sich selbst definieren, für welche Werte er*sie steht, indem sie*er in sich hineinlauscht und sich von ihrer*seiner inneren Wahrheit inspirieren lässt, wer sie*er als Individuation des kosmischen Bewusstseinsstroms ist. Zu einer humanistischen Bildung sollte es also gehören, über die Gesamtheit der humanistischen Werte (u. a. der Menschenrechte) informiert zu werden.

Der persönliche Wertekanon bildet die Lebensstrategie eines Menschen. Es handelt sich um seine*ihre Ethik, der sein*ihr Gewissen ab dann folgen wird, wenn diese ethische Strategie definiert wurde. Die Lebensqualität Strategie ist dem Monat Mai zugeordnet. Da die Lebensqualität Aktivität dem Juni zugeordnet ist, setzen wir sie für diese Darstellung hier mit der Beschreibung der Yang- oder Eigenkräfte hinter die Yin-Kräfte oder die selbstbestimmte Haltung. Im Leben sieht es wohl eher so aus, dass zwischen den beiden Qualitäten gependelt wird, um die Strategie und die Aktivität, also die Haltung und das Verhalten über diese Pendelbewegung miteinander in Einklang zu bringen und nach und nach Kohärenz herzustellen. Diese Bewegung findet idealerweise jeden Tag statt, indem jede Handlung auf ihre Haltung hin reflektiert wird.

© Ariela Sager

Nächster Artikel: 1 – Genugsein (Ermutigung, Anerkennung)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.