1 – Genugsein

Die stärkste Ermutigung, die wir als Kinder von unserem Umfeld erhalten können, ist der Hinweis auf unsere Potenzialität. Wenn wir als Kinder etwas noch nicht können, erdet und stärkt (also reguliert) uns die geäußerte Zuversicht einer erwachsenen Bezugsperson, dass wir es schon lernen werden, dass wir Zeit zum Üben haben, dass ein Talent erkennbar ist und dass man uns helfen wird, es zu erschließen. Damit ist für den aktuellen Moment eine Entspannung hergestellt, in der das Kind so angenommen wird, wie es jetzt da ist, mit allem, was es jetzt schon kann und noch zu können erlernen wird. Man ist genug mit allem ausgestattet, was man für sein persönliches Leben braucht, um es gelingen zu lassen. Das gilt für jeden Menschen.

Über dieses Genugsein gibt es allerdings ein schwerwiegendes Missverständnis: Nicht der Zustand von Sinnlosigkeit im Leben und von unkultiviertem Potenzial erhält das Attribut „genug“. Wer nichts aus seinen Anlagen gemacht hat, wer seine Talente brach liegen lässt und seinem Leben keinen Sinn gibt, der wird auch mit der wiederholten Affirmation „ich bin genug, so wie ich bin“ kaum sein Gefühl (sein inneres Kind) von seinem Genugsein überzeugen, das ihm aus dem Unbewussten heraus zuflüstert: „Aber da ist doch noch so viel, von dem du gar nichts weißt.“

Jeder Mensch kommt mit Anlagen zur Welt, die randvoll sind an Gaben, Talenten und Entwicklungspotenzial. Jede Veranlagung ist in der Tat genug, damit das Leben gelingt und damit man der Mensch werden kann, der man in sich selbst veranlagt ist. An keinem Menschen müsste je in die Genetik eingegriffen werden, um diese Veranlagung zu optimieren. Die Aufgabe der Eltern ist es, dem Kind zu helfen, seine Veranlagung zu erkennen (sich selbst zu erkennen) und sich entsprechend in sich selbst hinein zu entwickeln und das veranlagte Potenzial zu entfalten. Es ist da, es muss nicht übergestülpt werden. Es ist da und es ist genug. Man erkennt es an und fördert es mit dem Satz: “Wow, wie hast du das gemacht?”

Die Aufgabe, die zu Beginn des Lebens bei den Eltern liegt, endet allerdings nicht mit der Kindheit. Sie wird nur aus der Verantwortung der Eltern herausgelöst und in die Selbstverantwortung übernommen. Sie wird dem inneren Erwachsenen in die Hände gelegt. Im Alter von 18 Jahren zum Beispiel, dem Eintritt der Volljährigkeit, liegt schließlich noch eine ganze Menge an Potenzial vor, das zu heben noch gar nicht an der Zeit war. Auch wenn die Eltern ihrer Verantwortung bedauerlicherweise schlecht nachgekommen sind, erhält man die Verantwortung für sein Potenzial mit dem Erwachsensein übergeben. Dann sogar erst Recht, denn dann liegt die ganze Fülle des persönlichen Potenzials noch ungehoben im Dunkeln, in dem, was die Psychologie den “Schatten“ nennt. All die Gaben und Talente liegen unbeachtet und unbemerkt im Noch-Unbewussten. 

Einerseits weist so manches aus dem bisher geführten Leben auf dieses ungehobene Potenzial hin, das durch den Wert der Anerkennung (“Wie hast du das gemacht?”) gestärkt werden könnte. Die Anerkennung gehört ebenfalls zur Yin-Kraft des ersten Beziehungs- und Entwicklungsdreiecks. Alte Wegbegleiter*innen leisten einen solchen Beitrag manchmal mit Äußerungen wie: „Du hattest doch immer schon Freude an…, weißt du noch, wie wir als Kinder…, und da hast du…“. Explizit oder implizit wird hier auch gleich auf etwas hingewiesen, was man in der Beobachtung der Anderen besonders gut konnte oder sogar bis heute kann.

So sehr die Anerkennung auch bereits angerührtes Potenzial ins Licht heben kann, so viel mehr leistet die Ermutigung, sich seinem vollen Potenzial zuzuwenden und es zu aktivieren. Als Erwachsener muss man sich diese Ermutigung selbst erteilen, denn sie bewirkt kaum noch etwas, wenn sie von außen kommt. Lernen (die zugehörige Yang-Kraft), um dieses Potenzial zu heben, muss intrinsisch erfolgen, aus sich selbst heraus, eben aufgrund der inneren Haltung, es sich selbst wert zu sein, die Anstrengung des Lernens und Übens zu unternehmen. Denn nur man selbst fühlt, um welches Potenzial es sich handelt, was wirklich veranlagt ist und was nicht. Eine der besten Methoden, sich über seine Veranlagung klar zu werden, ist die Spiegelung über die Lektüre von Texten der Literatur, der Philosophie, der Psychologie oder der Spiritualität, aber auch, indem man seine Neidgefühle untersucht. Der Neid spricht über all das ungehobene Potenzial, von dem das innere Kind fühlt, dass es zu seiner Vollständigkeit gehören würde. Darum kann man auch nur selbst beurteilen, welche Lern- und Aktivierungsmaßnahmen sinnvoll sind und wo die persönlichen Grenzen liegen. Es ist nicht jeder Mensch zum*zur Hellseher*in geboren oder dazu bestimmt, ein*e Visionär*in zu sein oder gehört auf die Bühne. Mancher Lebensplan (die meisten) sehen die Selbstwerdung als großes Lebensziel vor – und dies zu bewerkstelligen ist mehr als genug. Dies nicht zu bewerkstelligen, ist allerdings zu wenig, wie sich in den Dissonanzsymptomen auf allen Ebenen zeigt.

Eine Welt voller sie selbst gewordener und damit integrer Menschen erreicht bereits den Weltfrieden, nach dem die Menschheit sich so sehr sehnt. Auch die Menschheit hat als Kollektiv alles in sich, was sie dazu braucht. Sie hat die Archetypen der Lehrer*innen, die ihr Potenzial in die Integrität hinein gehoben haben, und diese Lehrer*innen stehen bereit, weitere Lehrer*innen auszubilden. Wird das vorhandene Potenzial einer Gesellschaft verwirklicht, können auch diejenigen sich Zeit lassen, die ihr Potenzial noch nicht zu erschließen bereit sind. Zunächst das vorhandene Potenzial zu verwirklichen wäre für den evolutionären Fortschritt genug. Destruktive Tendenzen, die von noch unreifen Menschen ausgehen könnten, können von einer solchen, in der Mehrheit der Individuen integren Gesellschaft ausgeglichen werden.

Ein großes Problem liegt allerdings in dem eingangs erwähnten Missverständnis über das Genugsein: In den meisten Gesellschaften ist das tatsächlich vorhandene  Potenzial weitaus größer, als jenes, zu dessen Aktivierung und Kultivierung die Individuen ermutigt werden. Über die Gesamtheit der Mitglieder ist eine Gesellschaft sich selbst genug, wenn sie alle in ihr vorhandenen Talente nutzt und jedem Leben einen Sinn verleiht. Eine solche Gesellschaft erfährt dann, dass von allem genug da ist: genug Gelegenheiten, sich selbst als wertvoll zu erfahren, genug Zeit, alles zu tun, was einem wichtig ist, genug Gelegenheiten, sich auf die Welt zu beziehen, zu lieben, zu umsorgen, zu beschützen, zu heilen, zuzuhören, etwas aufzubauen, andere zu fördern ….

Ja, wir alle kommen mit Anlagen auf die Welt, die genug sind für ein vollauf gelingendes Leben. Und: Zu diesem Genugsein bedarf es der Ermutigung, sich dieses Genugseins auch wirklich zu bedienen und nicht das Meiste brachliegen zu lassen oder zu verschwenden. Der erwachsene Mensch muss sich diese Ermutigung als Haltung zulegen, indem sie*er sich immer wieder körperlich neu aufrichtet und geistig neu ausrichtet. Indem sie*er sichtet, was noch unverwirklicht in ihr*ihm vorliegt, und sich dann den geeigneten Wegen und Mitteln zuwendet, mit denen sie*er das Ziel der Selbstwerdung verfolgen kann.

© Ariela Sager

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