7 – Anhaftung

Unter dem Begriff der Anhaftung wird gewöhnlicherweise das Festhalten an Personen, Dingen oder Umständen oder auch an Ideen und Lebensentwürfen verstanden. Dieses Festhalten ist bei genauem Hinsehen aber nur ein Angstmerkmal, das manchmal auf eine noch tiefer liegende Angst als die Angst vor Verlust und Mangel verweist. Es ist die Angst davor, den Lebenssinn, wie man ihn erfühlt hat, zu versäumen, die nach so manchem greifen lässt, das sich irgendwie zum rettenden Strohhalm stilisieren lässt. Es geht eigentlich um den Sinn des Lebens, aber die Angst manifestiert sich an einem konkreten Lebensphänomen. Dieses Konkrete kann ein Mensch, ein Tier, ein Ding, eine Situation, eine Arbeit oder ein Gedanke sein. Die Grundlage der Angst ist wiederum das Nichtwissen im Hinblick auf die Zukunftsperspektive.

Als Kind malt man sich seine Zukunft noch lichthell aus und knüpft diese Hoffnung an die bereits entwickelten Eigenkräfte. Mit ihnen wird man doch wohl erreichen, was man sich ausgemalt und vorgenommen hat. Sehr häufig erfüllt sich dieser Zusammenhang aus Eigenkraft und Zukunftsperspektive auch wirklich und die Individuen verwirklichen eine wunderbare Karriere.

Manche Karriere aber nimmt stattdessen wunderliche Wege. Hier ist nicht von einem Menschen die Rede, der seine Talente verleugnet, sich der Fokussierung enthält und die Anstrengung der Potenzialausschöpfung verweigert. Stattdessen ist von einem Menschen die Rede, der*die das Potenzial hat, das siebte Beziehungs- und Entwicklungsdreieck zu durchlaufen und zu erfüllen. Der Archetyp des*der Visionär*in schwingt in diesem Menschen. Sie*er erschaut, vielleicht schon seit sie*er ein Kind ist, eine mögliche Zukunft, in der die Menschheit in irgendeinem Aspekt des Lebens einen entscheidenden geistig-evolutionären Fortschritt vollbringen könnte. Wahrscheinlich erahnt der heranwachsende Mensch auch die Mittel, mit denen dieser Fortschritt herbeigeführt werden könnte. Auf jeden Fall sammelt sie*er ausreichend Erfahrung mit dem Missstand, aus dem der Fortschritt die Menschheit herausführen könnte. Wenn dem heranwachsenden Menschen die persönliche Kraft erhalten bleibt, wofür die Temperamentsvariante des Aktivpols spricht, entwickelt diese visionäre Frau*dieser visionäre Mann sogar ein passendes Instrumentarium an neuer Technik oder einem neuartigen Gedankengebäude. Oft gewinnt diese*r Forscher*in, Erfinder*in oder Prophet*in auf ihrem*seinen Weg Mitstreiter*innen, die das Potenzial ihrer*seiner Arbeit erkennen und sie*ihn zu unterstützen bereit sind.

Manchmal geschieht aber auch das nicht. Dann bleibt die Angst, die den ganzen Weg lang stets bis zu einer Station der Erfüllung (des Unterstütztwerdens oder des wirksamen Einsatzes der Arbeit) vorherrscht, bestehen. Man fühlt mit Gewissheit, dass die eigene Bestimmung einen über das Gewöhnliche hinausführen wird, man erkennt nur absolut nicht, auf welche Art. Es gibt keine realen Anzeichen dafür, dass die Vision sich verwirklichen kann. Menschen, die man auf dem Weg trifft, schwingen sich einfach nicht auf die Sache ein, an der man selbst mit so viel Herzblut arbeitet. Sie bleiben seltsam unbeteiligt und desinteressiert, so als habe es mit der Arbeit nur die ganz gewöhnliche Bewandtnis, ein vermarktbares Produkt oder eine Dienstleistung oder sogar nur ein persönliches Hobby zu sein. Niemand erkennt das Potenzial und wäre bereit, sich für seine Förderung einzusetzen. Also fehlen jegliche Anzeichen dafür, dass diese Arbeit je von Sinn erfüllt sein könnte. 

Es besteht sehr die Gefahr, dass die Kraft, die bisher in die visionäre Arbeit hinein kanalisiert wurde, doch noch destruktiv verwendet wird, weil in einem desinteressierten Umfeld der konstruktiven Verwendung Grenzen gesetzt sind. Der Sinn einer Arbeit ergibt sich erst aus dem, was man aus dieser Arbeit macht, also wozu man sie verwendet. Wird sie gar nicht verwendet, hat sie, dem subjektiven Empfinden und der begrenzten menschlichen Perspektive nach, auch keinen Sinn. Der beschwichtigende Verweis auf die Nachwelt muss an dieser Stelle als zynisch empfunden werden. Man lebt ja jetzt und hat sich jetzt, in diesem Leben zu den Entbehrungen und Anstrengungen bereit erklärt, die notwendig waren, um die Arbeit erbringen zu können. Das Leben, dessen Werk keinen sinnhaften Einsatz erfahren darf, wird als verschwendet empfunden. Man fragt sich ständig, wo das Versäumnis liegen mag. Was hat man zu unternehmen versäumt, damit das Werk seine Wirksamkeit in der Welt erfahren kann? So sieht die Angst vor Versäumnis aus, und sie äußert sich im Angstmerkmal der Ungeduld.

Die Antwort für diese seltenen Exemplare von Menschen, die trotz aller Schwarzmalerei und trotz aller Frustration konsequent gearbeitet und ihr visionäres Werk erstellt haben, lautet: Es gibt kein Versäumnis. Was auf diese Menschen wartet (und es weiterhin tut), hat seine Form noch gar nicht angenommen. Es hat seinen Weg zur Manifestation in der Welt noch nicht gewählt. Und zwar haben die dazu nötigen Elemente ihren Platz noch nicht eingenommen. Die Dinge befinden sich noch im Wandel und dieser Wandel ist noch nicht abgeschlossen. Alle potenziell an der Operation beteiligten Subjekte befinden sich noch in einem Zustand, den das altchinesische I Ging mit dem 64. Hexagramm „Vor der Vollendung“ bezeichnet. Der hier angesprochene Mensch kann aber kaum etwas zum Prozess der Vollendung beitragen, weil es jedem einzelnen Menschen obliegt, der aus seiner persönlichen Bestimmung heraus aufgerufen wäre, sich in diese Arbeit hinein zu engagieren, sich entsprechend vorzubereiten. Die*der hier benannte Visionär*in kann nichts tun und hat auch nichts versäumt. Seine*ihre Anhaftung, die oft eine Kraft des Erzwingenwollens entwickelt, ist also überflüssig.

Ihre*seine Ungeduld als Angstmerkmal der Angst vor Versäumnis, ist dennoch verständlich. Aber der Weg raus aus der Angst, die manchmal auch somatisiert wird, führt nicht über den beschwichtigenden Rat, Geduld zu haben, sondern über das innere Freimachen (Yin) von dem unbedingten Wissenwollen, was die Zukunft bereithält. Es ist die Freiheit, die entsteht, wenn man sich in das Mysterium hinein ergibt und akzeptiert, dass die Zukunft für jetzt (der*die Ungeduldige würde sagen: noch immer!) unfassbar ist, eben weil sie noch gar nicht existiert. Der Versuch, im Voraus etwas über das herausfinden zu wollen, was man am Horizont aufziehen zu sehen meint (und was oft genug wieder verschwindet, weil dem Heraufziehenden unterwegs die Kraft ausgeht), kann später, wenn der Modus der Ungeduld verlassen wurde, unterlassen werden. Im Modus der Ungeduld wäre es noch zu schwer, weil man von der Angst, den Lebenssinn zu versäumen, angetrieben wird. Und der Sinn des Lebens ist eine mächtige Antriebskraft. Aber später, mit zunehmender mentaler Reife, wird einem klar werden, dass es kein Zufall ist, dass einem das Werk so leicht von der Hand geht, dass einen das stetige Gefühl nicht trügt, man würde seine Arbeit von höheren Mächten geführt erbringen, dass die Synchronizität stets das benötigte Arbeitsmaterial zum exakt richtigen Zeitpunkt liefert. 

Es gibt dieses Reich voller Schönheit, Weisheit und Liebe und manche von uns stehen mit ihm in direkter Verbindung, von Licht zu Licht. Wie dieser Bereich arbeitet, versuchen die Quantenphysik und die Metaphysik und die Mystik herauszufinden, aber im Grunde bleibt sein Mysterium unergründlich. Wir müssen uns ihm, dem Mysterium, mit unseren vertrauensvollen Narrativen nähern. Aus diesen Narrativen ist jede Schwarzmalerei zu verbannen (aber auch die Schönfärberei). Stattdessen nähren wir (später) einen Lebensstil, der zwischen dem, was ist und dem, was visionär erschaut wurde und daher eben sein könnte, pendelt, ja vibriert. 

Man hat sich nicht geirrt. Die Zeit ist nur noch nicht reif oder besser gesagt: Die Menschen sind es noch nicht, mit denen man kosmisch verabredet ist, die Vision zu verwirklichen. Vielleicht werden sie es auch in dieser Inkarnation nicht mehr sein. Dann findet das Mysterium einen anderen Weg. Er steht einfach bisher noch nicht fest, auf welche Art es sich verwirklichen will und wird. Unsere Aufgabe dabei ist es, auf unserem Weg zu bleiben, den Kurs zu halten und der Vision zu folgen, die wir erschaut haben – und nicht aufzugeben! 

Aber ja: Die Perspektivlosigkeit ist schwer auszuhalten. Angst und Ungeduld sind verständliche menschliche Regungen. Darum ergießt sich an dieser Stelle auch zuweilen ein großes Maß an Unmut über die Mitmenschen. Ihr Wesen ist die Angst und die Ungeduld. Wer sich von Angst und Ungeduld geplagt und hier angesprochen fühlt, kann in der Lektüre eine kleine Meditation einlegen über die Abfolge der Unterkapitel Offenbarung (Haltung) – Entfaltung (Eigenkraft) – Werden/Resilienz (Ressource), universale Matrix – menschliche Souveränität (Partnerschaft mit dem Kosmos) und Verehrung (Selbstwirksamkeit). Das ist der Weg der Heilung von der Angst, seinen Lebenssinn zu versäumen. Konkret ausgestaltet kann dieser Weg dann viele Formen annehmen.

© Ariela Sager

Nächster Artikel: Kapitel 3: Haltung (Einführung)

Eine Antwort

  1. Mit diesem Thema, das durch den schweren und gleizeitig kostbaren Text erschaffen wurde, hätte ich nie gedacht, mitzuschwingen.
    Auf den Weg der Heilung bin ich gerade aber aufgeregt.
    Danke für jede Menge Energie, die du für diese Arbeit aufbringst, und für Veröffentlichung.
    liebe Ariela!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.