3 – Erwartungen

Ganz instinktiv verstehen wir im Laufe unserer Kindheit, dass wir im Grunde unsere Mitmenschen darin anleiten, wie wir von ihnen behandelt werden wollen, und zwar durch die Art, wie wir über uns selbst sprechen. Bevor wir allerdings den tieferen Sinn hinter dieser instinktiven Ahnung verstehen (der darin liegt, dass wir achtsam von uns selbst sprechen sollten, indem wir auch achtsam über andere sprechen), versucht unser Erzählinstinkt die Art, wie wir von anderen behandelt werden wollen, zu beeinflussen. Und heraus kommt: die Angeberei. Schon Kinder versuchen, sich durch Angeberei größer und mächtiger darzustellen als sie (derzeit) sind. Dabei spricht die Erzählung durchaus über eine tief in ihnen liegenden Wahrheit, das Erzählte aber ist derzeit noch eine Fantasie. Wobei die Fantasie auf die noch nicht verwirklichte Wahrheit verweist. Die Erzählzeit ist die Gegenwart und die erzählte Zeit ist die Zukunft. Es handelt sich eigentlich um eine Vorausschau auf eine mögliche Zukunft, die noch nicht eingetreten ist, von der jetzt aber schon so erzählt wird, als sei sie gegenwärtig. Darin liegt das Wesen der Angeberei. 

Es ist das tapfere Schneiderlein in uns, das seine innere Größe erahnt, sie aber selbst nicht zu würdigen weiß, sich darum auch von außen nicht gewürdigt sieht und das Defizit durch eine großartige Erzählung zu kompensieren versucht. Jetzt erfindet das Schneiderlein eine Geschichte, bei der es einige wichtige Details weglässt, manches dazu erfindet und anderes verschleiert – und endlich wird ihm die Würdigung zuteil, von der es glaubt, dass sie ihm gebührt. Am Ende wird der kleine Schneider sogar König. Seiner Essenz nach mag ihm dieser Titel auch ganz sicher gebühren. Aber seine Existenz rechtfertigt diese Position nicht, denn er verkörpert und verwirklicht nicht die notwendigen Werte. Das Märchen endet damit, dass niemand diesen König mag und alle ihn gerne wieder loswerden wollen, aber niemand weiß, wie. Die Geschichten, die der Schneider um sich herum aufgebaut hat, flößen allen Angst vor seiner möglichen Gegnerschaft ein. 

So läuft das mit den Erwartungen, in denen ein Mensch in seiner Kindheit die Erfahrung gemacht hat, nicht in dem gesehen und akzeptiert zu werden, wer er*sie ist (z. B. ein wunderbar talentierter Schneider) – und darum nicht gelernt hat, sich selbst wirklich zu sehen und anzunehmen. Da kommt ein Kind auf die Welt und an sein Erscheinen sind Erwartungen geknüpft: Das Kind soll bisher nicht erfüllte Träume verwirklichen, Versöhnung herbeiführen, Trost spenden, Sinn stiften (was nicht das Gleiche ist, wie in einem Kind einen Sinnauftrag zu erkennen), dem Familiennamen Ehre machen, eine Tradition fortführen, eine Lücke füllen, den Einsatz der Eltern rechtfertigen, das Eheglück vollkommen machen, die Beziehung stärken, die Zukunft der Gesellschaft sichern und so weiter. Diesen Erwartungen gemäß wird das Kind von Anfang an behandelt. Somit wird es über die Behandlung, die ihm widerfährt, darüber unterrichtet, wie es sich der Meinung anderer gemäß, selbst zu sehen hat und was von ihm erwartet wird, wenn es sich als wertvoll erweisen will. Bedingungslosigkeit würde stattdessen bedeuten, diese Erwartungen beiseitezulassen und zu warten, welche Bedingungen das Kind anzeigt, unter denen es seiner Veranlagung gemäß zu leben wünscht – und diese Bedingungen zu akzeptieren. In dieser bedingungslosen Haltung würde das Kind als Wert an sich angesehen werden und ihm würde lediglich darin beigestanden werden, diesen Wert zu verwirklichen.

Aber echte Bedingungslosigkeit herrscht in den Kinderstuben selten und Kinder werden in Erwartungen der Eltern hineingepresst und (unbewusst) für all das abgewertet, was diesen Erwartungen nicht entspricht. Um in ihrem wahren Wesen gesehen und wertgeschätzt zu werden, beginnen sie entweder, übermäßig zu kooperieren und den Erwartungen gerecht zu werden, oder sie beginnen zu kämpfen, letztlich in dem Versuch, sie selbst sein zu dürfen. Beide Strategien entspringen der Verzweiflung, in seinem wahren Wesen und Wert nicht erkannt zu werden und darin nicht sein zu dürfen wer man ist. Oft wird die Nichtkenntnis oder sogar die Ablehnung durch die Eltern dem wahren Wesen gegenüber von Seiten der Kinder übernommen. Die Kinder missverstehen das Wesen der Ablehnung und glauben, etwas an ihnen sei unwürdig und wertlos, dabei ist es nur aus ganz egoistischen Gründen nicht gewollt und wird implizit oder manchmal auch explizit für irrelevant erklärt, weil manche Eltern von ihren Kindern etwas anderes wünschen als die Kinder ihnen anbieten: „Schauspielerei ist Unsinn, lern was Richtiges!“. So entsteht die Selbstwertunsicherheit. Die vorgefertigten Erwartungen der Eltern verstellen die Sicht auf das wahre Selbst des Kindes und dessen Selbstwert. Der Wert des Selbst liegt immer in der Art und Weise, wie es sich herausbildet und wie der Mensch dazu auf die Fragen antwortet, die das Leben dem Individuum stellt. In den Werten, für die der Mensch mit seiner*ihrer Antwort an das Leben einsteht, ist sein*ihr Wert ablesbar. 

Diesen Wert herauszubilden, zunächst im Dialog mit Vorbildern und später systematisch durch die Selbstreflexion über die Kulturleistungen aller Zeiten und aller Gesellschaften (beides entspricht der Herzensbildung), wäre Aufgabe einer Erziehung im Modus der Erwartungslosigkeit. Man erwartet von einem Kind dann nichts weiter, als dass es es selbst wird und übernimmt es als begleitende*r Erwachsene*r, die Bedingungen zu schaffen, die es dazu braucht, indem man das Kind behütet und beschützt. Das entspräche der Verkörperung und der Verwirklichung des kosmischen Wertes der Nachhaltigkeit. 

Wo das Behüten und das Beschützen fehlen, kämpft der Selbstwert um sein Überleben. Der Mensch hat ja einen Wert mit ins Leben gebracht. Er trägt ihn in sich. Weshalb versucht man, ihm einen anderen Wert zuzuschreiben oder abzuringen, statt den zu lieben, den sie*er bereits hat? Wieso hilft man dem heranwachsenden Kind nicht, seinen Wert zu entdecken und zu kultivieren? Im Grunde ist das die implizite Bitte des*der Angeber*in, aber zuvor ist es bereits der Sinnauftrag des Kindes, der so oft verkannt wird: „Ich bin schon wertvoll, schaut doch hin und helft mir, meine Werte zu bestimmen und eine Haltung zu entwickeln, die mir entspricht, und unterstützt mich darin, ein zu meinen Werten und meiner Wahrheit passendes Verhalten zu entwickeln, damit ich ausdrücken kann, wer ich in Wahrheit bin. Als Kind weiß ich es einfach noch nicht besser.“

Es geht einem Kind wie einem*einer angehenden Schriftsteller*in. Der*die Schriftsteller*in fühlt vor allem Anfang, dass sie*er etwas zu sagen hat, etwas Wichtiges und Wertvolles. Ihre*seine ersten Schreibversuche bringen dieses Wichtige aber nur sehr unzureichend zu Papier. Die Botschaft ist kaum verständlich, der Stil ist unzuträglich und der Text entfaltet keine Wirkung. Es gibt allerlei Schwierigkeiten. Jetzt braucht die*der junge Autor*in eine erfahrene und erfahrbare Anleitung. Jemand muss die Botschaft in dem bisher misslungenen Schreiben erkennen und muss die*den Autorenschüler*in über Möglichkeiten unterrichten, wie man die Botschaft besser ausdrücken könnte. Für welchen Stil die*der Autor*in sich dann entscheidet und welche Regeln sie*er bricht, obliegt ihrer*seiner künstlerischen Freiheit. Am Ende wird sie*er die*der wundervolle Autor*in geworden sein, die*der von Anfang an ihn ihr*ihm veranlagt war. Die Angeberei hatte bereits von dieser Wahrheit gesprochen. Aber nicht die großen Erwartungen an sie*ihn haben die Anlagen letztlich ans Licht gebracht, sondern dass jemand sich für den jungen Menschen eingesetzt und sich ihm zum*zur Lehrer*in angeboten hat, hat den Sinnauftrag erfüllt, indem ihm gegenüber mit der Mentorschaft eine wertvolle Antwort gegeben wurde.

Der Wert des Menschen ist immer da, aber er liegt brach, wenn er nicht durch eine passende Bildung ans Licht geholt wird. Der Selbstwert muss quasi extra geboren werden, und zwar vom Menschen selbst. Der Selbstwert unterliegt also nicht eigentlich einer Sicherung, sondern einem Geborenwerden. Ist er einmal wirklich auf die Welt gebracht, braucht er keine dualistische Sicherung mehr. Hinter ein einmal erlangtes Bewusstsein tritt man nicht zurück. Dazu hilft dem Kind Anleitung besser als übergestülpte Erwartungen, gegen die die Angeberei auf den wahren, aber ignorierten Wert hinzuweisen versucht. Der Weg, den Narzissmus in der Welt als Symptom der Selbstwertverletzung zu überwinden, würde mit zwei wichtigen Fragen beginnen können: Erstens –  was hat die Welt denn bisher als deine Wahrheit übersehen? Und zweitens – wie kann dir geholfen werden, sie noch zu kultivieren und endlich ans Licht zu bringen?

© Ariela Sager

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