2 – Filter

Viele Menschen bekommen in ihrer Kindheit viel über sich selbst zu hören, das manches mit der erzählenden Instanz, aber kaum etwas mit der Person des Kindes zu tun hat. Wenn den Kindern gesagt wird, sie seien Störenfriede, Wildfänge, Faulpelze, Versager, zu nichts zu gebrauchen, ganz und gar missraten oder gar böse, chancenlos und das alles sei deshalb so, weil es in der Familie immer schon so gewesen sei, das Kind ganz nach einem bestimmten Familienmitglied käme oder man das ja schon von allem Anfang an habe absehen können, fungieren diese Erzählungen als Filter vor der Selbstwahrnehmung des Kindes. Die Filter sabotieren die realistische Selbsterfahrung und damit seine Selbstbewusstwerdung. Ein solch infiltriertes Kind kann nicht wahrnehmen, was tatsächlich um es herum vor sich geht und was von ihm selbst mit welcher Wirkung ausgeht und mit welchem Wesen und welchen natürlichen Eigenschaften es da ist in der Welt, sondern es nimmt sich nur durch die Filter der Fremdwahrnehmung hindurch wahr. Dadurch formt sich eine Selbstwahrnehmung, die von der Sichtweise anderer gefärbt ist, wobei deren Sichtweisen bereits von den eigenen Filtern limitiert wurde. Die Kinder dienen nur noch als Projektionsfläche für die gefilterten Emotionen der über sie (eigentlich über sich selbst) sprechenden Erwachsenen.

Es entstehen Glaubenssätze und innere Muster, Konditionierungen im Denken und Automatismen im Handeln. Das Fühlen wird beiseite geschoben. Denken und Handeln und oft sogar die Gefühle werden von den aufoktroyierten Filtern gesteuert, und zwar so, dass die gefilterten Aussagen bestätigt werden. Denn diese Aussagen sind in der Persönlichkeitsstruktur verankert worden, indem die Psyche des Kindes sich von den Aussageinhalten hat emotional beeindrucken lassen. Die kindliche Psyche ist aus sich heraus zum Hinterfragen und zur Distanznahme noch nicht in der Lage, besonders nicht gegenüber Bezugs- und Vertrauenspersonen.

Und dann liegen die Filter im System und wirken auf unheilvolle Art in das Leben hinein. Wer sich mit dem Filter des Versagenmüssens-weil-es-immer-so-war in der Welt bewegt, wird den potenziellen Erfolg unbewusst sabotieren, damit das konditionierte Denken, das wie eine Prophezeiung wirkt, sich erfüllt. Wenn das Familiennarrativ lautet: Wir Frauen der Familie hatten nie Glück in der Liebe, arbeitet das Unterbewusstsein emsig und zuverlässig an der Bestätigung des Familiennarrativs, sofern es als Filter im Nervensystem verankert wurde. Der Filter wird den Blick auf Unglück verheißende Beziehungspartner*innen lenken und diejenigen Menschen, mit denen Glück möglich wäre, ausblenden. Sogar die Gefühle werden sich entsprechend verwirren, so dass ein solcher Mensch sich in harmonischen Beziehungen unwohl fühlt, weil sie nicht zum internalisierten Narrativ passen. Dem ewigen Tollpatsch wird ganz sicher etwas einfallen, sein Lebensglück zu sabotieren, wie die*der Verlierer*in, die*der meint, nichts Wertvolles zu verdienen, aller Wertgegenstände verlustig gehen wird, um die dunkle Prophezeiung sich selbst erfüllen zu lassen. Sogar kollektive Filter, die aus kollektiven Traumata entstanden sind, wirken über die Generationen hinweg unbewusst und unerkannt weiter und bringen entsprechende, Realitäten hervor, die den Zusammenhalt und den evolutionären Fortschritt in einer Gesellschaft sabotieren.

Filter sind eine Form der Co-Abhängigkeit. Jemand, der etwas Negatives über sich selbst denkt, kettet einen anderen Menschen über die Weitergabe der Erzählung an sich. Jetzt leben zwei den gleichen Mythos miteinander, der oft auch noch die Komponente hat: „Und wir haben doch nur noch uns.“ Diese Mythen können durch eine Feindstilisierung ergänzt und bekräftigt werden: „Gegen xy müssen wir zusammenhalten.“ Wenn xy dann nicht nur eine einzige Person, sondern eine Volksgruppe oder ein Phänomen ist, auf die oder auf das man seine Lebensangst projiziert, sieht man xy plötzlich überall, fühlt sich vollständig bedroht und es entwickelt sich das Angstmerkmal der Lebensfeindlichkeit. Irgendwann bekämpft man von seinen Filtern gelenkt das Leben selbst oder sogar das Leben in sich. Im Aktivpol der Angst vor dem Leben und seiner Lebendigkeit bekämpft man sich selbst. Man sabotiert systematisch die Möglichkeit, dass einem das Leben gelingt, indem man sich destruktiv verhält. Wenn es gerade harmonisch ist, drängt sich die störende, verletzende, unangemessene Bemerkung heraus – und man kann nichts dagegen tun. Man zwingt den anderen dazu, die Beziehung zu beenden oder beendet sie aus fadenscheinigen Gründen selbst, falls die Sabotage nicht gefruchtet hat. 

Die Selbstsabotage wird enden, wenn man sich zuerst seiner Filter, durch die man das Leben betrachtet, bewusst wird und dann seines tatsächlichen Selbst, das bisher von den Filtern verstellt wurde. Vermeintlich an etwas schuld zu sein, ist so ein extrem starker und undurchlässiger Filter, wie auch die Aussage, eben ein schlechter Mensch zu sein oder einen schlechten Charakter zu haben und „nun mal so zu sein“. Es wird folgende Frage sein, die über die Filter hinausführt: „Wer wärest du denn ohne diesen gedanklichen Filter?“ Wenn uns nie jemand gesagt hätte, dass wir angeblich immer schon xy gewesen seien und es vermutlich immer bleiben würden, was hätte dann aus uns werden können? Und die zweite Frage muss lauten: „Traust du dir zu, das Leben mal ohne den Filter zu versuchen und stattdessen zu schauen, was wirklich ist?“ Wenn wir die Erfahrung, dass das Leben gut wird, dass es gelingt, einfach mal aushalten, was wäre dann?

© Ariela Sager

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