2 – Bezogenheit

Ein echtes Interesse an der Welt ist die Basis für eine erwachsene, reife, aufrichtige Präsenz. Und die Präsenz ist die Basis für gute Beziehungen mit den Mitmenschen, den Tieren und der Natur. Sie ist auch die Voraussetzung für jede heilende Intention. Sie entsteht, nach die Schatten integriert und die Wahrnehmungsfilter aufgehoben wurden.

Es handelt sich bei dieser Haltung nicht mehr um eine kindliche Neugier, die ihre Nase in alles stecken muss, auch in das, was diese Nase nichts angeht. Stattdessen hat Präsenz die Qualität von Dasein und von Aufmerksamkeit. In manchen Situationen nimmt sie auch das Wesen der Vorsicht an. Verwirklicht wird dieser Einstellungswert von den schöpferischen Werten (der Yang-Kraft) der Umsicht und der Angemessenheit.

Mit dem echten Interesse öffnet sich das Nervensystem für das Gewahrsein sich selbst gegenüber und führt in die Ressource des Selbstbewusstseins. Es öffnet sich aber auch für die Umwelt. Wenn ein Mitmensch mit mir im Raum ist, trete ich möglichst in eine Beziehung, indem ich mich dem*der Gesprächspartner*in wirklich zuwende, um sie*ihn als ganzen Menschen wahrzunehmen. Ich beziehe mich also aktiv auf den anderen Menschen.

Auf die Welt bezogen bedeutet Präsenz, dass wir die Natur nicht als bloßen Gebrauchsgegenstand verwenden, sondern uns bewusst mit ihr in eine Beziehung begeben, ihren Zustand wahrnehmen, ihre Schönheit ebenso wie das, worunter sie leidet, woran sie krankt, wo ihr etwas fehlt. So entsteht aus dem Interesse ein aktives Bezogensein auf das, was uns umgibt.

Wie geht es der Welt? Wie geht es den Kindern der Welt? Fühlen sie sich vollständig und zum Wachsen ermutigt? Was fehlt ihnen? Wie geht es den Tieren und den Pflanzen? Wie geht es dem Menschen, der am Tisch neben mir sitzt? Wie geht es mir selbst? Das sind Fragen, zu denen wir aus unserer Präsenz heraus schon eine Menge Antworten erhalten, auch ohne, dass das Gegenüber sie verbal beantworten müsste. Unsere Präsenz bezieht sich bereits auf die gesamte non-verbale Kommunikation, die immer stattfindet (und die gar nicht nicht stattfinden kann). Sie ist nicht immer leicht zu erfassen und zu entschlüsseln, weil das Nonverbale zum Teil auch der Manipulation unterliegt, womit beabsichtigte Aussagen platziert, andere verschleiert werden sollen, aber es gibt noch genug Anteile, die sich der Manipulation entziehen und die einem*einer aufmerksamen Betrachter*in und Zuhöhrer*in nicht entgehen (z. B. die unwillkürlichen Mikroausdrücke). Sie sind sogar in der digitalen Kommunikation in dem zu finden, was wir Subtext und Textaura nennen (das sind nicht die bewusst eingesetzten Emoticons, sondern der Schreibstil insgesamt, der der aktuellen Befindlichkeit wie auch der grundsätzlichen Einstellung unterliegt). Die allerwenigsten Menschen sind schriftlich so versiert, dass sie eine Textaura manipulieren könnten, wie sie es mit ihrem äußeren Erscheinungsbild und zum Teil auch mit ihrer verbalen Ausdrucksweise durchaus schaffen.

Sich auf die Umwelt zu beziehen heißt, sich ihr mit vollem Interesse zuzuwenden: dem Text, dem gesprochenen Wort, der ganzen Person. Ganz so würden wir uns die Haltung einer Ärztin*eines Arztes in einer kompetent durchgeführten Anamnese wünschen, bevor sie*er zu einer Diagnose über unsere Beschwerden kommt. Dazu ist neben dem Interesse auch Zeit von Nöten. Dem, wofür man sich interessiert, muss man Zeit geben, sich zu zeigen und sich zu entfalten. Der schöpferisch passende Wert ist hier unter der Überschrift der Intimität gefasst (Angemessenheit, Umsicht). Es leuchtet ein, dass ein Gegenüber zunächst das echte Interesse an seiner Person spüren muss, bevor es sich zu einer nahen Begegnung zu öffnen bereit fühlt, und dass es dazu Zeit braucht. Genau dazu ist man nichts weiter als einfach nur da, aber zugleich besteht die Kunst darin, wirklich da zu sein. Man beschäftigt sich nicht in der Zwischenzeit gedanklich, emotional oder physisch mit etwas anderem, zerrt die Dinge aber auch nicht durch neugierige Fragen ans Licht. Das heißt nicht, dass man keine Fragen stellen sollte. Kluge und wohlwollende, Nähe und Intimität herstellende Fragen gehören zur zugehörigen Yang-Kraft. Aber die Umsicht enthält sich eines Nachbohrens, eines unbedingten Wissenwollens, das dem anderen unangenehm sein könnte, weil die Aufmerksamkeit ihre Antworten ja auf mehr Wegen als nur aus der verbalen Form erhält. Wenn also die Frage nach dem persönlichen Befinden gestellt wurde, ist die typisch floskelhafte Antwort „danke, ganz gut“ nur ein Teil der Antwort. Der Präsenz entgeht nicht der gesamte Rest der Antwort, der sich in der Mimik, der Körpersprache, dem Tonfall und durchaus auch dem Geruch, dem Kleidungsstil, dem Durchbrechen einer Gewohnheit etc. abspielt. 

Die Präsenz, mit der wir uns auf die Welt beziehen und ihr mit voller Aufmerksamkeit und echtem Interesse begegnen, macht aus jeder Begegnung ein spannendes Stück Leben. Die Grundvoraussetzung dazu ist die, zumindest einen Teil der Schatten bearbeitet und die Filter abgelegt zu haben und dann das Handy wegzulegen, den Fernseher auszuschalten, die eigenen Sorgen und Ängste auch für den heutigen Tag beachtet zu haben und so dem Raum, in dem man sich gerade befindet, seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im nächsten Schritt wird man sich wohl automatisch dazu inspiriert fühlen, den Raum zu erweitern, dem man seine Aufmerksamkeit schenkt, das Interesse also von sich selbst auszuweiten auf einen Mitmenschen und auf die Natur. Im dritten Schritt entstehen aus diesem Interesse und aus dieser Aufmerksamkeit Initiative und Engagement.

© Ariela Sager

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